Ist es nicht so? Wenn man das Wort deutsch-jüdische Literatur hört, setzt man unwillkürlich zum Gähnen an, weil man das Gefühl hat, das Buch im Schlaf selber schreiben zu können. Das ist natürlich ungerecht, aber das passiert, wenn sich ein Genre allzu erfolgreich durchgesetzt hat. Dann wirkt alles, was individuell erlebt war, nur noch stereotyp.

© Kiepenheuer & Witsch

Adriana Altaras, 1960 in Zagreb geboren, Schauspielerin und Theaterregisseurin in Deutschland, hat mit Titos Brille die Geschichte meiner strapaziösen Familie geschrieben (Kiepenheuer & Witsch; 265 S., 18,95 €). Und man muss sagen: Alles, wirklich alles, was zu den klassischen Topoi einer jüdischen Familiengeschichte zählt – das Tragische, das Weise, das Neurotische, das Exzentrische und das Politische kommt darin vor. Und doch: Wie frisch und wie mitreißend, wie unverbraucht und wie eigenwillig entfaltet Adriana Altaras ihre atemberaubend ereignisreiche Familiengeschichte: vom Widerstand gegen die Nazis über den Tito-Kommunismus, die Flucht nach Italien bis zur Ankunft der Familie in den siebziger Jahren in Gießen.

Am Anfang radelt Adriana Altaras vergnügt durch Berlin. Und sie hat auch eine Erklärung für ihr Glück: »Die Buchläden sind überfüllt mit jüdisch-deutscher Literatur. Historiker streiten, Gegner und Befürworter jeder These haben sich verausgabt. Volkshochschulen und Mahnmale erledigen den Rest. Ich brauche mich um nichts zu kümmern. Die Zeit wird die restlichen Wunden heilen.« Wie charmant, aber natürlich stimmt kein Wort. Zu unserem Glück hat Adriana Altaras »den Rest« nicht den Volkshochschulen überlassen.