Erinnerungen geben einem das Gefühl von Heimat und Identität. Tatsächlich aber, man muss der Wahrheit ins Auge blicken, sind es flatterhafte und unstete Gebilde. Man kann sie ganz plötzlich, manchmal auch schleichend verlieren – und selbst, wenn man sie behält: Sie lügen und betrügen. Welt- und Selbstbilder verunreinigen die Klarheit der Fakten. Wie es »wirklich« war? Am Ende eine Frage unermüdlichen Ver- und Aushandelns.

Clara, der in Sabine Grubers viertem Roman die beste Freundin Ines wegstirbt, reagiert verstört auf den Tod der »Lebenszeugin« und Verhandlungspartnerin: »Was noch an Erinnerung da ist, wird nach und nach versickern.« Diese Angst geistert im ganzen Roman herum, sie ist die Triebfeder der Protagonisten, die die Erinnerungen festzuhalten versuchen.

Mit Clara und Ines sind es insgesamt vier Figuren, von denen der Roman erzählt. Über Jahrzehnte hinweg sind sie einander verbunden, freundschaftlich oder erotisch, in Liebe oder durch einen Arbeitsvertrag. Neben diesen eher profanen Verbindungen ist es ein historisches Ereignis, das die Figuren auf fast schon metaphysische Weise miteinander verknüpft und den Fluchtpunkt des Romans bildet: Das Attentat in der Via Rasella, das Widerstandskämpfer der italienischen kommunistischen Partei auf das Südtiroler Polizeiregiment Bozen verübten. Für die 33 deutschen Todesopfer wurden in den Ardeatinischen Höhlen als Vergeltungsmaßnahme 335 italienische Zivilisten hingerichtet . Das Massaker gilt als größtes Kriegsverbrechen der Deutschen während der Besatzung Italiens.

Während Ines und Clara das Massaker als Nachgeborene beschäftigt, verändert es das Leben der Zeitzeugin Emma Manente von Grund auf. Als Dienstmädchen kam die Südtirolerin in der Zwischenkriegszeit nach Rom, auch ihr Verlobter aus dem Heimatort war hier stationiert. Gruber lässt ihn im Regiment Bozen mitmarschieren und zeigt, wie sein Tod nicht nur der großen Geschichte, sondern auch der kleinen Welt der Emma Manente eine neue Richtung gibt.

Sabine Gruber hat sehr viel reale Zeitgeschichte in ihren Roman eingearbeitet. Auch Erich Priebke gehört zu den Beteiligten am Massaker in den Ardeatinischen Höhlen. Doch aufgrund seines Gesundheitszustandes wird er nur mit einem Hausarrest »bestraft«, den er in Rom absitzt. Wie eine gespenstische Verkörperung von Ungerechtigkeit und Grausamkeit treibt sich der reale Priebke in den Köpfen der fiktiven Figuren herum. Im Anhang ist nachzulesen, dass er 2010 von der rechtsradikalen NPD als Bundespräsidentschaftskandidat ins Gespräch gebracht wurde.

Leidenschaftlich empört sich der Roman, empört sich besonders Paul, der einzige Mann in der Figurenriege: Er ist Historiker, Experte für all die »Kriegsgreuel, Massaker, Folterknechte«. Seine Interessen gelten hauptsächlich zwei Dingen: Frauen und der Geschichte. Nicht nur betört er Ines und – Jahrzehnte später – Clara, auch von seinen Stadtführungen nimmt der Historiker gerne mal eine junge Studentin mit in sein schäbiges Appartement. Letzteres ist vor allem deshalb so schäbig, weil Paul sein Leben mit ungesunder Besessenheit der Geschichte widmet.