Die Namen dieser Feriendomizile müssen für einen Todkranken wie Hohn geklungen haben: Pension Glückauf und, wenige Schritte entfernt, das Ferienheim Kinderglück, eine Anstalt für arme jüdische Kinder aus Berlin. Anfang Juli 1923, elf Monate vor seinem Tod, reist Franz Kafka an die Ostsee, ins Bad Müritz, macht sich zum Kurgast, Spaziergänger, Strandkorbbesitzer, wagt sich gelegentlich ins Wasser, ein elend dünner Mann, ein Sonderling, umraunt von erstem Ruhm. Schon hat ihn eines der Mädchen aus dem Heim wahrgenommen, die sechzehnjährige Tile, hängt sich an ihn, lädt ihn zur Sabbatfeier ein und führt ihn damit einer anderen zu, seiner letzten großen Liebe: Dora Diamant. Eine Frau von 25 Jahren, eine Jüdin »aus dem Osten«, die sich in zähem Kampf von ihrem streng orthodoxen Vater gelöst und nach Berlin gerettet hat. Diese Dora tritt uns nun, neben Franz Kafka, als Heldin eines ebenso diskreten wie verstörenden Romans entgegen.

Michael Kumpfmüller, der mit dem Roman Hampels Fluchten , der satirischen Elegie eines Ruhelosen, einen Bestseller geschrieben und zuletzt mit der Nachricht an alle den Döblin-Preis errungen hat, wagt sich mit seinem neuesten Buch weit vor in literaturhistorisch brisantes Terrain. Und provoziert skeptische Nachfragen: Kann man dieses letzte Lebensjahr Franz Kafkas erzählen, wie Martin Walser über den alten Goethe der Marienbader Elegie geschrieben hat? Ist Kafka schon verfügbar geworden, eine literaturhistorische Antiquität? Oder verbieten seine magische Kälte und die grauenhafte Schnörkellosigkeit seines Stils nicht noch immer, ihn zu kopieren, gar nachzuerzählen?

Franz Kafka setzt sich mit dem Umzug nach Berlin im Herbst 1923 dem Risiko aus, dass sich seine Tuberkulose im strengen Berliner Winter verschlimmert. Aufgrund seiner Geldnot und den wenig erfreulichen Verlagsverhandlungen, dem geringen Verkauf des Landarztes befindet er sich ohnehin in einer sehr düsteren Lebenslage. Dieses Berlin, das für junge Autoren (Brecht, Bronnen, Toller, Horvath, Zuckmayer) etwa zur selben Zeit zum Forum des Erfolgs wird, bleibt dem vierzigjährigen Kafka unzugänglich wie das Schloss dem Landvermesser K. Jeder Weg, jeder Besuch, jeder Kinoabend, jede Straßenbahnfahrt wird zur lebensgefährdenden Expedition. Überwölbt werden alle Widrigkeiten von der Wirtschaftskrise: Die Inflation mit ihren Milliardenpreisen entrückt selbst die täglichen Besorgungen in die Irrealität, macht das Geld auf dem Weg von Prag nach Berlin nahezu wertlos.

Aber Kafka will sich ja endlich befreien von Prag, von den Eltern, von dem kleinen Zimmer zu Hause, von der strangulierenden Sohnschaft, und er vertraut dabei auf Doras rettende Kraft. Sie, die mit ihm die Tage, bald auch die möblierten Zimmer und Nächte teilt, ist nicht nur Samariterin, sondern auch Komplizin dieser Befreiung.

Im Roman dieses letzten Kafkaschen Lebensjahres stehen nun Sätze wie diese: »Würde sie ihr Leben aufschreiben, würde sie nur Kleinigkeiten notieren, denn am größten, findet sie, ist das Glück, wenn es winzig klein ist, wenn er sich die Schuhe bindet, wenn er schläft, wenn er ihr durchs Haar fährt. Immerzu macht er etwas mit ihren Haaren. Er hat sie schon gekämmt, er hat sie gewaschen, was ebenso schön wie seltsam war. Ihre Haare, sagt er, riechen nach Rauch und Schwefel, nach Gras, ab und zu nach Meer. Er sagt, dass er nicht fertig wird mit ihr. Wäre er eines Tages fertig, müsste er auf der Stelle tot umfallen, und so bin ich im Grunde unsterblich.«

Oder: »Wie immer nach einem langen Besuch bleibt er tags darauf im Bett, was nicht heißt, dass er am Morgen nicht aufsteht und sich rasieren geht, im Bad vor dem Spiegel, wo er eine Weile sein Gesicht studiert. Inzwischen sieht er beinah wie ein Kind aus, man kann es nicht deutlich genug sagen, er ist krank, aber das Auffällige ist doch dieser Ausdruck, als hätte er sein halbes Leben gebraucht, um wie ein verdruckster Primaner auszusehen, und kaum hat er diese Stufe erreicht, entwickelt er sich zurück zum Kind.«