Nichts ist so leicht wie die Vorhersage des Schlimmsten. Im rauen Nahost-Gelände sind die Pessimisten seit je in der Überzahl, nur zu Beginn der arabischen Revolution waren sie kurzfristig verstummt. Aber sie haben ihre Stimme längst wieder gefunden: Der Aufstand führt zum Krieg! Soldaten ersticken die Revolution! Christen sind in Gefahr! Islamisten übernehmen die Macht! Meist klingt es, als sähen sie in der Friedhofsruhe vor der Revolte das bessere Modell. Doch am Buchmarkt ist Erleichterung in Sicht. In diesen Wochen sind vier Bücher gegen den chronischen Pessimismus im Nahen Osten erschienen und eine eindringliche Warnung, die neue Zeit nicht zu verpassen.

In der arabischen Welt ist nicht der Absturz in den ewigen Krieg zu besichtigen und auch kein Wechsel vom Frühling zum Winter. Vor unseren Augen vollzieht sich die tiefste Umwälzung des Nahen und Mittleren Ostens seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Anfang der fünfziger Jahre putschten in Ägypten die Freien Offiziere, wenig später übernahm Gamal Abdel Nasser die Macht. Das war das Muster für viele Staaten der Region. Die Könige, die noch mit den Kolonialmächten gekungelt hatten, stürzten. Nationalistische Offiziere ergriffen die Macht: Saddam Hussein in Bagdad, Hafis al-Assad in Damaskus, Ali Salih im Jemen, Muammar al-Gadhafi in Tripolis.

Heute geht ein Zeitalter zu Ende, in dem die Araber nicht von fremden Mächten geschurigelt und entmündigt wurden, sondern von ihren eigenen Herrschern. Gegen sie stehen die Araber auf. Es ist abwegig, in dieser elementaren Erhebung eine aktuelle Fehlentwicklung oder einen vorübergehenden Sturm zu sehen. Die neue Epoche ist da, die arabische Revolution hat sich bereits tief ins Geschichtsbuch eingeritzt, nicht zuletzt mit ihren ikonischen Bildern. Vergangene Woche gingen die Aufnahmen von Ex-Präsident Hosni Mubarak in einem Kairoer Strafgericht um die Welt. Der Pharao auf einer Tragbahre hinter Gittern! Die Revolution wirft alte Gewissheiten über den Haufen. An drei Beispielen zeigt sich das besonders: in Syrien, in den Revolutionen in Kairo und Tunis und bei der Rolle des Islams.

Syrien , in diesen Tagen zentraler Schauplatz der arabischen Erhebungen, ist die große Sorge. Bis heute wünscht keine fremde Regierung aus vollem Herzen den Sturz des Assad-Regimes. Zu fragil scheint das Nebeneinander der Völker und Religionen im Land. Zu wichtig ist Syrien als Wegkreuzung im Nahost-Dschungel. Zu solide aber auch erschienen im Landesinneren lange Zeit die vier Pfeiler der Macht der Assads. Martina Döring beschreibt sie anschaulich in dem Sammelband Die arabische Revolution von den Journalisten Frank Nordhausen und Thomas Schmid: die Feindschaft zu Israel , die religiöse Toleranz im Inneren, die gute Vernetzung dieser wichtigen arabischen Mittelmacht und der Repressionsapparat.

Zu Beginn des Aufbegehrens stand Assad noch recht gut da. Er konnte sich als Führer des "Widerstands gegen Israel" stilisieren, galt im eigenen Land als moderner Herrscher, der Mittelstand hielt zu ihm, die nicht sunnitisch-muslimischen Minderheiten zählten auf ihn. In einer Rede Ende März hätte er den Reformer und Volksversteher geben können. Doch er verpasste die Chance, zeigte sich unversöhnlich. In der südlichen Stadt Daraa schlugen die Sicherheitskräfte drein. Assad stand als Wortbrecher da. Seither läuft das Regime auf Autopilot: Gewalt. Als Folge der brutalen Repression von oben erheben sich immer mehr Städte und immer mehr gesellschaftliche Gruppen. Syrien geht – womit wenige gerechnet hatten – den Weg der revolutionären Staaten Nordafrikas. Fragt sich nur noch, ob den des im Krieg gespaltenen Libyens oder den der glücklicheren Nachbarländer.

Bei den Aufständen in Tunis und Kairo wurden viele Annahmen über den Haufen geworfen. Nirgendwo wurde der Islam-Irrtum im Westen so deutlich wie hier. Es waren nicht die lange Zeit niedergehaltenen Islamisten, die die Rebellion gegen das Regime führten. Auf der Avenue Habib Bourguiba und auf dem Tahrir-Platz standen die bürgerliche Jugend, die Aktivisten aus Schulen und Universitäten, die Kinder der Modernisierung. Es ging um Bürgerrechte und nicht um Frömmigkeit. Wenn Islamisten dabei waren, schwammen sie mit im Strom der Massenerhebung. Nordhausen und Schmid zeichnen in bewegenden Tagebüchern den Gang der Revolutionen nach. Sie zeigen auch, dass die Aufstände wichtige Vorläufer in der lange ignorierten Protestbewegung der Jahre zuvor hatten. Man sollte sich nicht wundern, warum Proteste in Kairo und Tunis eher um sich greifen als in Riad. Die Revolution nährt sich in den engen Schluchten von Kairo, in den Ballungszentren von Tunis. Gewachsene Urbanität und öffentliche Räume waren eine Voraussetzung für den erfolgreichen Protest.