Vor dem Gesetz, so verbürgen es schmallippig die Grundrechte, sind alle Menschen gleich. Wie aber soll dieses »vor« genauer aussehen? Lungert man sein Leben lang vor einer imaginären Trutzburg herum, wie die Gestalt bei Kafka, die nie eingelassen wird? Nimmt man Platz, oder bleibt man stehen? Gestikuliert man, schweigt man, kann man abschweifen und elektronisch verkehren? Und welche Möbel bieten sich an zur Positionierung? »Wenn der Angeklagte vor Gericht sitzt, ist damit freilich noch nicht die vollkommene Gleichheit vor und hinter dem Gerichtstisch hergestellt«, schreibt Cornelia Vismann, die das vermeintliche Drumherum von Recht und Gesetz ins Zentrum rückt.

Sitzen oder stehen? Das wurde für die ritualkritischen Achtundsechziger zur Streitfrage. Schließlich bekamen auch Angeklagte Tisch und Stuhl, und doch war damit längst noch keine Symmetrie erreicht. Manche Stühle sind gleicher: »Während sich der Stuhl des Richters vom Thronsitz herleitet – die Tribunen der römischen Rechtsprechung nahmen in auf der Tribüne aufgestellten Sesseln Platz –, ist der Stuhl hinter dem Verhörtisch ein Medium der Unterwerfung.« So war es kaum Zufall, dass der Angeklagte Baader in Stammheim stehen blieb, weil er vom Prozess ausgeschlossen werden wollte. Den Ausschluss konnte er allerdings nur erzwingen, indem er den Richter beschimpfte.

Den Gerichtssälen, Tischen, Stühlen, Stimmen, Mikrofonen, Kameras, Monitoren – kurz: den Medien der Rechtsprechung – hat Cornelia Vismann ihre Studie gewidmet. Die Juristin und Medienwissenschaftlerin, die vor einem Jahr noch nicht einmal 50-jährig verstarb, war eine elegante Grenzgängerin zwischen ansonsten getrennten Wissensfeldern. Ihre Dissertation über Akten (2000) wurde zum Standardwerk und erschien sogar als Taschenbuch. Vismann forschte am Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte, seit 2008 war sie Professorin an der Fakultät für Medien in Weimar. Das Merve-Bändchen Vom Griechenland, das sie mit Friedrich Kittler veröffentlichte, verweist auf eine weitere Konstante in ihren Texten: die antiken Ursprünge des Rechts.

Auch Medien der Rechtsprechung beginnt mit der Antike. Die Jurisdiktion gehe auf ein »theatrales« und ein »agonales« Szenario zurück, erklärt Vismann. Das Rechtsprechen sei ein Theater, weil eine begangene Tat vor Gericht im Symbolischen aufgeführt wird: »Es soll zur Sprache kommen, was geschehen ist.« Erst mit diesem Übertragungsprozess – hier spricht die psychoanalytische Theorie Lacans – kann aus einem »verstockten Ding« eine verhandelbare Sache werden. Im Rechtsprechen steckt aber auch ein Kampf, denn das Amphitheater der Griechen erschafft einen Zuschauer, der über das Dargebotene entscheiden kann; die Macht der Götter ist damit zumindest aufgeschoben. Den Aufschub setzen die antiken Tragödien selbst in Szene: Im Aischylos-Stück Die Eumeniden wird das Entscheiden zu einer Sache der Sterblichen, und damit tritt eine weltliche Ordnung an die Stelle des Mythos – die »Stunde Null des Rechts«.

Dieses Oszillieren zwischen theatralem und agonalem Grundtyp verfolgt das weit ausgreifende Buch in der modernen Rechtsgeschichte, aber auch in der Literatur und im Film. Ein faszinierendes Kapitel zur Stimme erklärt, wie der Unmittelbarkeitsfetisch des 19. Jahrhunderts zum Aufstieg des Mündlichen führt: Das geständige Subjekt – hier spricht Foucault – wird fortan auf sein verdächtiges Räuspern und Stocken hin abgehört.

Wichtig sind die Unterschiede zwischen »klassischem« Gericht und neuen Formen des Tribunals wie in Nürnberg oder Den Haag. Bei der ordentlichen Gerichtsbarkeit mit ihrer dramengleichen Geschlossenheit herrscht das Theatrale. Beim Tribunal, das ohne einen neutralen Dritten auskommt, überwiegt das Agonale; hier werden die Kameras, Videos und Monitore als Öffentlichkeitsverstärker gern genommen. Am Nürnberger Prozess untersucht Vismann, wie die Simultandolmetschanlage von IBM das Geschehen steuerte; am Haager Prozess gegen Milošević führt sie vor, wie das Tribunal in »grandioser Unterschätzung der eigenen Verfahrensmacht« die technische Regie an eine outgesourcte Firma delegierte. »Und wer wohl bestimmte den Kamerawinkel?«, fragt sich der Prozessbeobachter Peter Handke, den wiederum Vismann feinsinnig zweitbeobachtet.

Der Clou des Buches besteht darin, die Macht der technischen Medien in beiden Gerichtstypen nachzuweisen. »Wer Medien im Prozess zulässt, bringt die Justiz um ihre eigene Medialität. Technische Medien entziehen sich der theatralen Logik der Justiz und versetzen die Prozessbeteiligten an einen Ort, der alles andere als ein Schauplatz ist – inmitten von Kabeln und Monitoren«, warnt die Autorin. Vor allem aber ist ihr Buch ein Plädoyer für eine historisch informierte Medientheorie. Dass in einer Konferenz über den Nürnberger Prozess kein einziger Beitrag der Technik galt, wird hier ebenso moniert wie der Umstand, dass mit den ortlosen cyber courts der Rechtsuchende zum Kunden wird.

Überhaupt wird der Ton im letzten Kapitel dringlicher, ohne dass Vismann in kulturpessimistisches Tremolo verfallen würde. Schlichte Freund-Feind-Unterscheidungen (im Sinne guter oder böser Medientechnik) sind sowieso nicht ihre Sache. Mit ihrem atemberaubenden, zwischen den Stühlen vermittelnden Wissen macht sie vielmehr klar, dass man Medien beobachten muss, wenn man nicht will, dass sie das Verfahren diktieren. So hörig, wie das 19. Jahrhundert der angeblich unmittelbaren Stimme war, so technik- und effizienzbeduselt wirkt die Gegenwart. Eine ökonomisierte Justiz erscheint dabei genauso fatal wie eine wirtschaftlich optimierte Universität, die von der Autorin an anderer Stelle zergliedert wurde. Wenn sich Hochschulen vermeintlichen Nützlichkeitsimperativen unterstellen, wird es auch eng mit den Grenzgängen zwischen den Disziplinen. Wie notwendig und – ja, schön – sie sind, zeigt dieses Buch aus dem Nachlass von Cornelia Vismann.