Natürlich ist das furchtbar. Hochbegabt, bestens ausgebildet, und dann darf sie beruflich doch nur Hausfrau und Mutter werden, der kleine Bruder aber ein berühmter Komponist . Nun hat Fanny Hensel, geborene Mendelssohn, zwar trotzdem viel komponiert, und seit gut 20 Jahren wird die Künstlerin entdeckt, ernst genommen und aufgenommen, mit Büchern und Briefausgaben bedacht, aber immer bleibt dabei etwas von Verteidigung, verspätetem Kampf gegen das Patriarchat, selbst und gerade in Gender-Studies erscheint Fanny als Opfer und Schwester im Schatten. Auch eine neue literarische Lebensdarstellung, eine Art Romanbiografie, lässt im Titel gleich wieder ihn, den Bruder sprechen: Liebste Fenchel, so hat Felix die große Schwester gern angeredet.

Aber diesmal führt ein neuer Weg zu ihr, in anderem Licht. "Etüden und Intermezzi" nennt der 78-jährige Peter Härtling, viel erprobter Romanbiograf, die Stationen, deren Ausgangspunkt vielleicht nur einem einfallen kann, der auch viel für und über Kinder schrieb. Härtling beginnt einfach als Opa, dem gerade eine Enkelin namens Fanny beschert wurde und der nun, sich über einen Zeitraum von 200 Jahren vorläufig hinwegsetzend, wissen will, wie es der anderen Fanny erging, von ihr aus gesehen. Leicht gerät man da hinein, so leicht, wie Härtling es sich eben nicht macht. Sein privates Motiv erweist sich nicht als distanzlos bequem, sondern als einer von mehreren Verweisen, mit denen er die Distanz zwischen Fannys Welt und seiner Position einbekennt.

"Es sind zu viele", ächzt er einmal über die Personen im Hause Mendelssohn, "ich widersetze mich erzählend." Ein andermal weist er darauf hin, dass an der Stelle der Kirche, in der die vier Kinder von Abraham und Lea getauft wurden, jetzt das Hochhaus des Springer-Verlags steht. Statt die Kluft mit historisch dekorierter Einfühlung zu verkleistern, skizziert er behutsam Szenen, Dialoge ohne Anführungsstriche, hier und da sparsam bestätigt durch Zitate. Einfache Sätze, in einer Sprache, die weder dem 19. noch dem 21. Jahrhundert nacheifert. "Abraham rührte sich nicht, blieb sitzen, die Hände auf den Knien, sehr ruhig: Ich habe es dir als deine Bestimmung erklärt, Fanny." So fasst Härtling zusammen, wie der hochgebildete Vater die Tochter zur Hausfrau machen will. Die Wucht der Konvention wird da deutlicher als in zehn Sozialstudien.

Nie schiebt Härtling ausstaffierte Rollen und Kulissen vor die realen Personen, die ihn und uns interessieren. Kein kinoreifes Hufgeklapper, keine schnurreichen Mieder, lieber überraschende Seitenblicke: "Der Regen spülte das bunte Laub zu absonderlichen Mustern." Dass mit der Kutsche gefahren wird, wird so beiläufig erwähnt wie heute ein Auto, und eine Revolution in Paris oder der fiese Heinrich Heine flackern nur am Rande. Für Fannys Positionierung in der europäischen Kulturgeschichte gibt es andere Bücher. Neu ist hier nicht, was man über sie erfährt, sondern dass sie die Welt definiert und nicht umgekehrt.

Was dem Erzähler mitunter zulasten anderer gerät: Felix, der Bruder, ist fast immer heiter bis launisch, Wilhelm Hensel, der Ehemann, vorwiegend eifersüchtig. Dafür aber gewinnt ganz unvermerkt eine unterschätzte Zentralgestalt der Familie an Faszination, ihre Mutter Lea nämlich. Die familiäre Wärme, in der Peter Härtling und die Mendelssohns einander vielleicht am nächsten sind, lässt umso grausiger den Antisemitismus spüren, den selbst Hausfreund Zelter pflegt und der in einer Attacke auf die Urlauber in Bad Doberan gipfelt. Dass dieser Vorfall nach jüngster Forschung keineswegs belegbar ist, macht ihn nicht unbrauchbar für ein Buch, dessen fiktionale Anteile immer offengehalten werden fürs Weitersuchen, Nachlesen, fürs Hören übrigens auch. Auch wenn Härtling Fannys Musik weniger über Stilfragen definiert als über ihren brennenden Wunsch, auch in Rom ein gutes Klavier zu haben – irgendwann sieht man die Welt so sehr von ihr aus, dass man neue Lust bekommt, ihre Musik zu hören, in der sie "die Bewegungen des Tages in Notenschrift" aufnimmt. Tatsächlich komponierte sie sehr autobiografisch.

Von wie vielen Klischees Härtling seine Arbeit freigehalten hat, das merkt man auch da, wo er ihnen selbst erliegt. Da Fanny mit nur 42 Jahren an einem Schlaganfall starb und damit auch den frühen Tod ihres Bruders auslöste, häufen sich auf den letzten Seiten die Vorahnungen, die letzten Male, da brummt der Orgelpunkt des Schicksals, über dem Fanny Hensel und Clara Schumann am Klavier schnell noch den Altherrentraum von der süßen Musikerin erfüllen, sie "kichern atemlos und tauschen Seufzer aus". Dabei hätte gerade Härtlings Konzept sich wunderbar geeignet, zu zeigen, wie sinnlos ein "Schicksal" ist, das eine Frau, die endlich sich als Komponistin durchzusetzen und Zukunft zu formen beginnt, einfach weghaut. Vielleicht kann er den Schluss, nebst kleiner Fehler auf den Seiten 46, 127 und 185, gelegentlich mal ändern.