1. Was ist von den Rebellen zu erwarten?

Bislang machen die libyschen Aufständischen ganz überwiegend den Eindruck einer besonnenen Sammlungsbewegung. Und wenigstens in einem zentralen Punkt scheinen sie einig zu sein: Es kamen nie ernsthafte Zweifel daran auf, dass in Libyen eine Demokratie entstehen soll. Zwar zählt der sogenannte Nationale Übergangsrat (NTC) auch Muslimbrüder und islamisch strenggläubige Salafisten zu seinen Mitgliedern, doch ist die große Bandbreite eher eine Stärke als ein Problem: Bisher hat sich keine Gruppierung zu Wort gemeldet, die einem demokratischen, durch den Westen geförderten Staat den Krieg erklären würde.

Der Vorsitzende des Übergangsrates, der frühere libysche Justizminister Mustafa Abdul Dschalil, bekräftigte dieser Tage noch einmal, dass der NTC nach dem Sturz Gadhafis allenfalls noch acht Monate lang das Land lenken wolle; dann müsse es Wahlen geben und ein Verfassungsreferendum . Ein Vorteil des langen Kampfes gegen den Diktator ist, dass die Aufständischen Zeit hatten, sich zu sortieren und einen Fahrplan für die Zukunft zu skizzieren, inklusive eines Verfassungsentwurfs (siehe das Interview auf dieser Seite).

So einig die Rebellen in ihrer Programmatik zu sein scheinen, so zerstritten sind sie offenbar in Loyalitätsfragen. In Tripolis, so berichten Beobachter am Ort, fühlten sich viele Kämpfer zu wenig unterstützt vom Hauptquartier in Bengasi. Ausgerechnet die Truppen, die dem Regime den entscheidenden Schlag zu versetzen hatten, sind schlechter ausgerüstet als die Kämpfer im Osten des Landes, und »der NTC hat sich nicht wirklich Mühe gegeben, die Kluft zu schließen«, zitiert die New York Times Jussuf Mohammed, einen Managementberater, der den Rebellen gerade dabei hilft, die Hauptstadt zu sichern. Wie tief die Zerwürfnisse innerhalb der Rebellenbewegung sind, zeigt ein Vorfall Ende Juli. Da wurde der oberste Militärkommandant der Rebellen, Abdel Fattah Jounis, durch andere Aufständische getötet , höchst wahrscheinlich als Vergeltung für den Tod zahlreicher Islamisten, den er als ehemaliger Innenminister Gadhafis zu verantworten hatte. Ein Menetekel.

2. Was für einen Staat übernehmen die Revolutionäre?

Anders als in Syrien oder im Irak hat sich in Libyen nie ein starkes Parteiensystem ausgebildet. Stattdessen entstand ein Geflecht von Loyalitätsbeziehungen, das sich vor allem entlang von Stammeszugehörigkeiten ausbildete. Es gibt, neben der Rebellenbewegung, keine politischen Institutionen und Organisationen. Es gibt keine unabhängige Justiz. Es gibt keine Erfahrung mit politischer Teilhabe nach 42 Jahren Willkürherrschaft. Und es gibt, außer den Milizen der Rebellen und Gadhafis weitgehend geschlagenen Truppen, keine Sicherheitskräfte. Was es hingegen reichlich gibt, sind Waffen, unbeglichene Unrechts-Rechnungen, revolutionäre Euphorie, alte Stammesgemeinschaften und neue Kampfesbrüderschaften. Eine explosive Mischung.

Zudem ist der Ölreichtum des Landes ungleich verteilt. Die meisten Quellen liegen im Osten. Sollte die starke Stellung des Zentralstaats abgebaut werden und sollten die drei Provinzen Cyrenaica, Fezzan und Tripolitania größere Autonomie beanspruchen, könnten Verteilungskämpfe ausbrechen.