DIE ZEIT: Herr Röder, Sie beraten die libysche Übergangsregierung auf dem Weg zu einer neuen Verfassung . Was für ein Staat soll das neue Libyen werden?

Tilmann Röder: Das war für mich eine Überraschung. Bei allen Differenzen im Detail herrschte bei unseren Gesprächen in Bengasi ein auffälliger Konsens. Alle unsere Gesprächspartner haben sich für einen demokratischen Rechtsstaat ausgesprochen. Vorbild sind dabei Nachbarländer wie Tunesien und Ägypten, aber auch westliche Staaten. Nicht einmal die Imame, mit denen wir sprachen, wünschten sich eine islamische Republik.

DIE ZEIT: Welches Gewicht wird die Religion denn in einer künftigen Verfassung besitzen?

Röder: Auch da dienen Nachbarstaaten wie Ägypten als Vorbild. Der Islam wird eine Quelle der Gesetzgebung sein, aber eine Islamisierung des Justizwesens muss man nicht befürchten. Daran war niemand interessiert. Man schaute eher auf das ägyptische Oberste Gericht, das eine sehr moderate, menschenrechtsfreundliche Rechtsprechung entwickelt hat.

DIE ZEIT: Wird es in Libyen Religionsfreiheit geben?

Röder: Da dürfte wiederum Ägypten Modell sein: Dort gibt es für die Muslime faktisch keine Religionsfreiheit – der Abfall vom Islam ist nach wie vor ein Tabu –, für die Angehörigen anderer Konfessionen aber durchaus.

DIE ZEIT: Viel ist derzeit von der Macht der Stämme die Rede. Welche Rolle sollen sie in einem demokratischen Verfassungsstaat spielen?

Röder: Nach meinem Eindruck sind die Libyer den Tribalismus leid, unsere Gesprächspartner fanden es geradezu unangenehm, mit Stammeskultur in Verbindung gebracht zu werden, das schien ihnen antiquiert. Für die Menschen in den Städten spielt die Stammeszugehörigkeit ohnehin keine Rolle mehr. Lokal mögen die Stämme noch Einfluss besitzen, das Land prägen können sie nicht.

DIE ZEIT: Im Juni waren Sie zu ersten Gesprächen in Bengasi. Wer waren Ihre Gesprächspartner?

Röder: Wir haben mit Mitgliedern des Nationalen Übergangsrates gesprochen, mit Anwälten und Richtern, darunter einem ehemaligen Richter am Obersten Gerichtshof in Tripolis, der sich nach Bengasi abgesetzt hatte. Wir konnten mit Akademikern reden, die den Übergangsrat beraten, mit jungen Revolutionären, auch mit Imamen. All diese Menschen haben fast keine Mitarbeiter, kein Ministerium hinter sich, sie verständigen sich direkt per Handy und Internet miteinander.

DIE ZEIT: Wie ist der Kontakt zum Nationalen Übergangsrat zustande gekommen?

Röder: Über das Auswärtige Amt, das ein Verbindungsbüro in Bengasi unterhält. Wir hatten aber auch eigene libysche Kontakte, da ich zusammen mit einigen Kollegen vom Max-Planck-Institut hier in Heidelberg bereits 2007 nach Tripolis gereist war, damals auf Einladung intellektueller Kreise um Saif al-Islam al-Gadhafi, der als möglicher Reformer galt und Interesse an der Schaffung einer libyschen Verfassung zeigte. Wir haben uns damals aber schnell zurückgezogen, weil wir den Eindruck hatten, dass es sich bei dem Projekt lediglich um ein juristisches Feigenblatt handeln würde.

DIE ZEIT: Wie empfanden Sie die Lage in Bengasi?

Röder: Die Situation war erstaunlich stabil, die Geschäfte hatten geöffnet, ich kam mir vor wie in einer normalen Küstenstadt am Mittelmeer. Wir haben uns nie bedroht gefühlt.