DIE ZEIT: Wie wirkten Ihre Gesprächspartner?

Röder: Ich arbeite viel in der arabischen Welt, in Afghanistan, im Irak, und im Vergleich hatte ich den Eindruck, es in Libyen mit hervorragend qualifizierten Juristen zu tun zu haben. Das war für mich eine absolut positive Überraschung. Viele von ihnen sind im Ausland ausgebildet oder haben durch das Ölgeschäft internationale Erfahrung. Man könnte fast von einer Revolution der Juristen sprechen, denn sie begann mit einer Besetzung des Berufungsgerichts von Bengasi und wird bis heute von Richtern, Anwälten und Juraprofessoren maßgeblich geprägt.

DIE ZEIT: Besitzt Libyen derzeit eine Verfassung?

Röder: Nein, unter der Herrschaft von Gadhafi gab es so etwas nicht. Während wir in Bengasi waren, plante der Übergangsrat, eine vorläufige Verfassungserklärung in Kraft zu setzen, darüber haben wir viel diskutiert, aber das ist noch nicht geschehen.

DIE ZEIT: Ist über die Rolle der Frau in der künftigen Verfassung gesprochen worden?

Röder: Ja. Frauen haben in der libyschen Revolution eine wichtige Rolle gespielt, man sieht sie überall im öffentlichen Leben, wir selbst haben Anwältinnen und Richterinnen kennengelernt. Meine Prognose ist, dass die Rolle der Frauen sich auf keinen Fall verschlechtern wird.

DIE ZEIT: Arbeiten Sie nun an konkreten Entwürfen für eine libysche Verfassung?

Röder: Das würden wir nie tun. Nur eine Verfassung, die im Land selbst geschaffen wird, kann genug Legitimität gewinnen.

DIE ZEIT: Wird das in Libyen gelingen?

Röder: Vorgehen und Zeitplan sind noch unklar. Es gibt in Libyen eine ähnliche Debatte wie derzeit in Ägypten und Tunesien: Soll es nach dem Sturz von Gadhafi zuerst freie Wahlen geben – und dann eine neue Verfassung? Oder umgekehrt? Im Übergangsrat gab es Überlegungen, selbst ein verfassungsgebendes Gremium einzusetzen, das eine Verfassung ausarbeiten sollte, die dann dem Volk vorgelegt werden könnte, aber dagegen hat es scharfe Proteste aus der Zivilgesellschaft gegeben – zu Recht, denke ich. Alle diese Auseinandersetzungen jedoch werden sehr ernsthaft und qualifiziert geführt, und deshalb bin ich insgesamt sehr zuversichtlich.