Sein Finger gleitet 200 Jahre hinab. Bis zu Mohammed bin Ali al-Senussi, seinem Ururgroßvater und dem Gründer des Senussi-Ordens. »Das ist die größte Glaubensgemeinschaft Nordafrikas.« Zwei Abbiegungen weiter, im frühen 20. Jahrhundert, zeigt der Familienstammbaum den Namen Mohammed Idris, den ersten König von Libyen. Der Zeigefinger gleitet weiter, eine rote Linie entlang, vom Bruder des Königs über dessen Söhne bis zu ihm. »Hier. Das bin ich.« Mohammed al-Senussi. Geboren 1962 in Tripolis, wohnhaft in London und, was hiermit dargetan wäre, Kronprinz von Libyen.

Seit 23 Jahren lebt er im Exil, aber nun, glaubt er, könnte der Tag seiner Rückkehr kommen. »Zu sehen, wie die Freiheitsflagge über Tripolis weht , macht mich unglaublich glücklich und stolz auf mein Volk«, sagt er. Die Freiheitsflagge, das ist die Flagge des libyschen Königreiches. Unter der rot-schwarz-grünen Trikolore ziehen die Rebellen seit dem 17. Februar in die Kämpfe. Aber heißt das auch, dass sie wieder einen König wollen ? Der Prinz versucht jeden Eindruck zu vermeiden, er wolle sich in Stellung bringen. »Das muss das Volk entscheiden«, antwortet er. Aber »wenn die Menschen es wollen«, sei er »bereit zu dienen«. Er sitzt starr und kontrolliert da, der Prinz, und wirkt ein wenig melancholisch in dem kahlen Büro. Draußen, im Diplomatenviertel Mayfair, schlendern Frauen in seidenen Ganzkörperschleiern durch die Juwelierläden und Modeboutiquen der Bond Street und der Saville Row. London City ist schwer angesagt bei der Jeunesse dorée, der reichen und urbanen Jugend Arabiens.

Wäre nicht ein gewisser Muammar al-Gadhafi gewesen , vermutlich würde Mohammed al-Senussi hier auch nur zu gelegentlichen Shopping-Trips aufkreuzen. Denn dann wäre er heute wohl Herr über das reichste Land Nordafrikas, über einen Wüstenstaat mit den zehntgrößten Ölreserven der Welt, ja vielleicht sogar über die »Schweiz des Maghreb«, von der seine Vorfahren träumten. Jedenfalls nicht einer, der im Konferenzraum einer PR-Agentur empfangen muss, weil seine Exilantenwohnung, wie man hört, eher bescheiden ausfällt und er deshalb dorthin nicht einladen möchte.

Al-Senussi fühlt sich vor allem als Statthalter und Erinnerungsverwalter des alternativen Libyen, einer konstitutionellen Monarchie mit, wie er sagt, »Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, guter Regierungsführung und Respekt vor den Grundrechten«. 1988, nachdem Gadhafi das Haus der Königsfamilie hatte niederbrennen lassen, ging er mit seinem kranken Vater ins Exil, Mutter und Geschwister kamen nach, 1992 starb Kronprinz Hassan. Seither organisierte Prinz Mohammed, wie er gewöhnlich genannt wird, Treffen und Demonstrationen von Oppositionellen in Amerika, in Frankreich, in England. Er lebt von den Zuwendungen von Exillibyern und königstreuen Familien in der Heimat und wirbt für das vergangene, das bessere Libyen. »Ein Land der Freiheit, von der Welt respektiert und mit ihr verbunden«, doziert er in einem Video auf seiner Homepage, die wie eine Art königlicher History Channel wirkt, »ein Land der Würde und des Glaubens, geleitet von einem gerechten Führer, verpflichtet dem Wohlergehen und dem Frieden.«

Ganz so makellos war die kurze Phase der parlamentarischen Monarchie in Libyen ab 1951 freilich nicht. Eine lebendige Demokratie hat sich unter Mohammeds Vorfahr König Idris nie entwickelt, und die Familie stand in dem Ruf, volksfern zu sein und sich an den Öleinnahmen des Landes zu bereichern. Und doch, die Verfassung, die sich die Libyer nach der Unabhängigkeit von Italien gaben, war ein für die Zeit erstaunlich liberaler Rechtekatalog. Prinz Mohammed schiebt sie über den Tisch, ein Heft mit rot-schwarz-grünem Einband. »Ich traue mich, zu sagen, dass diese Verfassung ein Wunder ist.« Das Redaktionskomitee habe sich an anderen Verfassungen orientiert, an europäischen, an der ägyptischen, sogar an der schwedischen, »wegen der Frauenrechte«. Der heutige libysche Nationale Übergangsrat, so viel haben die Rebellen schon beschlossen, möchte diese Verfassung in ihren Grundzügen wiederbeleben.