Das Gift muss überwacht werden. Überall in Ana Claudia Zenclussens Labor messen Sensoren seine Konzentration in der Luft: Kohlenmonoxid, ein Gas, das die meisten noch als Motorabgas kennen – und das früher als Suizidgas berüchtigt war. Strömt es durch einen Schlauch in ein geschlossenes Auto, erstickt ein Mensch darin binnen einer Stunde.

Doch Zenclussen ist keine Toxikologin. Ihr Labor befindet sich in der medizinischen Fakultät der Uni Magdeburg, in der Abteilung für Experimentelle Gynäkologie und Geburtshilfe. Vorläufig atmen hier nur Mäusemütter Kohlenmonoxid ein. Mit den schwangeren Tieren will die Immunologin eine merkwürdige Erfahrung der Frauenärzte untersuchen. »Den Gynäkologen ist irgendwann aufgefallen, dass Raucherinnen viel seltener eine Präeklampsie entwickeln als Patientinnen, die nicht rauchen«, erzählt Zenclussen. Diese Erkrankung – in der Umgangssprache als Schwangerschaftsvergiftung bezeichnet – ist eine der gefährlichsten Komplikationen für werdende Mütter. Die Kombination aus Bluthochdruck, Proteinausscheidung im Urin und Wassereinlagerungen kann für Mutter und Kind so gefährlich werden, dass der Fötus vorzeitig durch einen Kaiserschnitt geholt werden muss. Eine Therapie gibt es nicht.

Wenn Raucherinnen von der Schwangerschaftsvergiftung weitgehend verschont bleiben, so lautete die Überlegung, könnte dann der schützende Effekt im Zigarettenrauch zu suchen sein? Eine ketzerische Frage, Ana Claudia Zenclussen schüttelt es förmlich: »Rauchen in der Schwangerschaft schadet Mutter und Kind, da besteht gar kein Zweifel. Wenn ich in unserer Klinik hochschwangere Mütter mit einer Zigarette in der Hand sehe, bekomme ich eine Wut.« Was sie mit ihrer Forschung an den Mäusemüttern aber inzwischen bewiesen hat: Nur ein bestimmter Stoff im Zigarettenrauch hat in geringer Dosierung tatsächlich einen positiven Effekt auf den Schwangerschaftsverlauf – Kohlenmonoxid.

Das Ergebnis, in Kürze wird es im Journal of Pathology veröffentlicht, klingt brisant. Immerhin handelt es sich bei dem untersuchten Wirkstoff um ein Giftgas. Doch die Magdeburger Professorin ist keineswegs eine wissenschaftliche Exotin: Weltweit haben Forschergruppen in den vergangenen Jahren neben Kohlenmonoxid auch anderen giftigen Gasen verheißungsvolle therapeutische Effekte bescheinigt. Im Fachjournal Nature Translational Medicine erschien jüngst eine Übersicht über das pharmakologische Potenzial von Stickstoffmonoxid (NO), Kohlenmonoxid (CO) und Schwefelwasserstoff (H₂S). Die bisherigen und zukünftigen Anwendungsgebiete erstrecken sich von Herz-Kreislauf-Erkrankungen über entzündliche Prozesse bis hin zur Potenzsteigerung bei Männern.

Letztere gehört zu den Erfolgsstorys der Szene: Ursprünglich war der Wirkstoff Sildenafil vom Pharma-Riesen Pfizer für die Behandlung von Erkrankungen der Herzkranzgefäße vorgesehen. In der Testphase des Medikaments berichteten auffallend viele Probanden erfreut über eine potenzsteigernde Wirkung. Wenig später brachte Pfizer seinen Kassenschlager Viagra heraus. Erst im Nachhinein wurde erkannt, dass der Effekt eng mit der Wirkung von Stickstoffmonoxid verknüpft ist: Sildenafil blockiert den Abbau eines Moleküls, das die Erektion fördert. Dieses aber wird erst nach einem NO-Signal im Körper gebildet.

»Seit Paracelsus wissen wir, dass die Dosis das Gift macht«

Denn im menschlichen Körper wirkt Stickstoffmonoxid, wie auch die anderen Gase CO und H₂S, keineswegs immer als Gift. Alle drei Moleküle stellt der Organismus in geringen Mengen ständig selbst her – und alle scheinen nach den bisherigen Erkenntnissen als körpereigene Botenstoffe lebenswichtige Funktionen zu dirigieren. »Vom Grundgedanken her ist das ein alter Hut«, sagt der Tübinger Pharmakologe und Toxikologe Peter Ruth, der selbst auf dem Gebiet des Gastransmitters NO forscht. »Seit Paracelsus wissen wir, dass die Dosis das Gift macht.«