Im Grunde habe ich die besten Bedingungen für ein Leben in gepflegter Faulheit. Mein Haus steht am Rande eines kleinen Dorfs in der Lüneburger Heide, wo einen morgens keine Müllabfuhr weckt und keine Türen laut ins Schloss fallen, weil tüchtige Nachbarn ihren Büros entgegeneilen. Keine Straßenbetriebsamkeit erinnert an den Rhythmus täglicher Arbeit – vor meinem Haus gibt es ja nicht einmal eine Straße! Stattdessen fängt direkt neben dem Garten ein lichter Buchenwald an, in dem man im Spätsommer faustgroße Steinpilze findet, und vom Schreibtisch aus sehe ich durchs Fenster bis zum Horizont grüne Weiden. Darauf grasen meine Schafe. Mit der Schnauze am Boden schieben sie sich mehrmals täglich vom linken Rand meines Blickfelds zum rechten und umgekehrt, ich lasse die Bücher Bücher sein, folge den Tieren mit den Augen und falle gleichsam in Trance...

Irgendwann habe ich an den Fenstern meines Arbeitszimmers Rollos angebracht. Doch gegen den Magnetismus der Natur an sich kann ich nichts tun . Manches Mal schon bin ich vom Schreibtisch aufgestanden, um nur rasch einen Teebeutel in den Müll zu werfen, und fand mich wenig später mitten im Wald wieder. Dort zählte ich Mistkäfer, schaute an meinen Steinpilzstellen vom Vorjahr nach oder versuchte, auf einem Ast über den Bach zu balancieren – tat also, was Kinder oder Müßiggänger so tun.

Aber der Magnetismus wirkt eben leider auch in umgekehrter Richtung. Obwohl der Anblick eines Schreibtischs voll ungelesener Zeitungen und ungeöffneter Briefe ja ungleich weniger attraktiv ist als der eines samtigen Schafsmauls oder dicht bewimperter Schafsaugen, habe ich die Gesellschaft meiner Tiere oft genug ausgeschlagen, um die des Computers aufzusuchen. An den schönsten Sommertagen (nicht in diesem Jahr, aber wenn es halt Sommertage gibt) bunkere ich mich hinter meinen Rollos ein, beginne den Tag damit, E-Mails zu »checken«. Checke und beantworte, schreibe Texte und plane Termine. Reise zu Volkshochschulen, Kulturzentren und Kleinstadttheatern, halte Vorträge und Lesungen über das ruhige, genüssliche Landleben, während genau dasselbe doch zu Hause auf mich wartet, richtiger: ohne mich stattfindet. Kaum wieder zu Hause, hetze ich nämlich erneut an den PC, um erneut E-Mails zu checken und zu beantworten. Keineswegs schnuppert die heutige Landbewohnerin in freien Momenten draußen an ihren Rosen, nein, auch sie starrt wie der viel gescholtene hektische Städter auf den Bildschirm und fragt sich: Und was könnte man jetzt als Nächstes googeln?

Auch ohne Chef im Rücken schwingen wir für uns selbst die Peitsche

Wobei es zu einfach wäre, alles auf das Internet zu schieben. Sicher, das Internet ist ein erbarmungsloser Zeitfresser – alles, was es einem an Informationen und Zeitersparnis durch eine blitzschnelle Recherche schenkt, nimmt es einem durch die zahllosen Seitenpfade der weiterführenden Links (»Könnte Sie ebenfalls interessieren«) wieder ab. Doch ehrlicherweise muss man zugeben: Das Internet ist nicht der einzige Schuldige. Es geht ja schlicht auch um den Ehrgeiz. Das Etwas-schaffen-Wollen. Das Dabei-sein-Müssen. Das Auf-etwas-Geleistetes-zurückblicken-Können. Und wer dabei keinen Chef hinter sich stehen hat, sondern als Freiberufler vermeintlich sein eigener Herr ist, weiß ganz gut selbst mit der Peitsche umzugehen. Max Weber hat das im Prinzip ja früh richtig gesehen, allerdings muss man eben kein Protestant im strengen Sinne sein, um Opfer der eigenen calvinistischen Arbeitsethik zu werden.

Man treibt sich selbst an, und danach klopft man sich für vollbrachtes Tagewerk auf die Schulter – so wie neulich abends, als ich sehr zufrieden mit mir war, hatte ich doch zwei Artikel fertiggestellt und sogar die schreckliche Briefpost geöffnet. Bei Sonnenuntergang ging ich wie jeden Abend in den Garten, um das Wasser im Badebecken meiner beiden Gänse zu erneuern. Das dauert jeweils ein paar Minuten. Aus dem Gartenschlauch sprudelte und gluckste es friedlich, ich schaute beim Warten in Richtung Waldrand, wo die Abendsonne den oberen Saum der Buchen orange-rosa färbte... Und mir fiel auf, dass ich an jenem Tag keinen einzigen ruhigen Blick auf Bäume, Sonne, Gänse oder Schafe geworfen hatte, seitdem ich die Tiere am Morgen aus dem Stall gelassen hatte. – So war das mit dem Landleben doch nicht gemeint gewesen! War ich nicht hinaus in die Natur gezogen, unter anderem weil ich aus Thoreaus Walden vor allem diesen einen Satz nie hatte vergessen können? Nämlich: Er schätze es, »einen breiten Rand an seinem Leben zu lassen«. Zeit, die nicht auf Teufel komm raus genutzt, sondern einfach gelebt wird.