Hereinspaziert, liebe Freunde der Nacht, hereinspaziert in diese höhlendunkle Künstlervilla am Münchner Isarhochufer, mit der sich Franz von Stuck am Ende des 19. Jahrhunderts – also schon zu Lebzeiten – ein Denkmal gesetzt hat! Das Vestibül, verschwenderisch ausgestattet mit antiken Ornamenten, Reliefs und Skulpturen, hier erzählt alles von Geselligkeit und Gastfreundschaft, von Tanz und Trunk und von den Trieb- und Antriebskräften des lebensfrohen Künstlerfürsten. Noch verschwenderischer kommt der Empfangssalon daher, eine luxuriöse Raumschöpfung aus Marmor, Seide und Goldmosaik. Es glitzert hier wie unter einer Discokugel, nur geheimnisvoller. Neben Mahagonimöbeln und Bronzebüsten entdeckt man die Bibliothek, sie versammelt Originalausgaben von Freigeistern wie Frank Wedekind und Oscar Wilde – und einen Bildband der Pariser Weltausstellung, auf der Franz von Stuck seine erste Goldmedaille gewann.

Auf schwarz-rot gemustertem Parkettboden gleitet man hinüber in den nachtblauen Musiksalon, wo man sich inmitten der Scheinarchitektur eines Atriums wiederfindet. Die Wände werden von Tierfiguren und Gestalten aus der griechischen Sagenwelt bevölkert: Pan spielt Flöte, Artemis schreitet durch florale Muster, Orpheus zupft die Lyra. Magisch wirkt die Decke: ein gemalter Sternenhimmel samt golden flimmernder Milchstraße, auf dem die Planeten ihre Kreise ziehen. Die jüngere Kunstgeschichtsforschung fand heraus, dass es sich bei dieser Planetenkonstellation um eine Augustnacht des Jahres 1895 handelt, also um jenen Zeitraum, in dem Stuck seine Tochter Mary gezeugt hatte. Das Musikzimmer als kosmische Verklärung einer Liebesnacht – das konnte sich nur einer ausdenken, der Kostümfeste gerne lorbeerbekränzt und in eine Toga gehüllt besuchte.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Über das Treppenhaus, vorbei am mannsgroßen Muschelrelief, gelangt man ins Atelier im Obergeschoss. Es ist dekoriert mit den Attributen eines höfischen Festsaals – mit Gobelins, Säulenimitationen und der Sünde: Dargeboten wie ein okkultes Altarbild, zeigt Stucks berühmtestes Werk einen weiblichen Halbakt mit Schlange. Kunsthistoriker haben es als "symbolistisch-diabolisches Gegenbild" zur Mona Lisa gedeutet.Immer wieder nutzte Stuck das Atelier für rauschende Künstlerfeste, mit denen er die ebenfalls repräsentative Künstlerhäuser bewohnenden Konkurrenten Franz von Lenbach und Friedrich August von Kaulbach zu übertrumpfen versuchte. Vor allem aber erfand er in diesem Weiheraum, der das Malen zum Kultakt stilisiert, seine Bildwelten: die frechen Faune und rätselhaften Sphinxwesen, die männerverschlingenden Salomes und lüsternen Nymphen, die großformatigen Gemälde der eigenen Familie und die gut bezahlten Porträts der Salondamen. Leider schlummern die meisten Bilder im Depot, nur Die Sünde und ein Selbstbildnis von 1899 werden dauerhaft präsentiert. Vom Rest, wozu auch Zeichnungen und Plastiken zählen, ist eine kleine Auswahl im leer geräumten Esszimmer zu besichtigen, so das raffiniert komponierte Frühwerk Der Wächter des Paradieses, das kometenhaft zu strahlen scheint und seinen Ruhm als Maler begründete.

Zur Villa Stuck, diesem antiken Tempel, umweht von symbolgeladener Stimmung der Spätromantik, gehören nicht nur die vom Hausherrn selbst entworfenen und eingerichteten historischen Räume, die er mit Ehefrau und Tochter, Köchin und Chauffeur bewohnte, sondern auch ein neues Ateliergebäude, mit dem das Gesamtkunstwerk 1915 seine Vollendung fand. Der Weg von der Privatvilla zum städtischen Museum war dornig, er wurde von Erbstreitigkeiten und politischem Gezänk begleitet. Seit 1992 befinden sich in dem ehemaligen Ateliergebäude lichtdurchflutete Ausstellungsräume. Sie dienen als Bühne für ein ambitioniertes Wechselprogramm, etwa für Jugendstilausstellungen, aber auch für Zeitgenössisches wie die aktuelle Schau Home Stories & Street Life – Fotografien aus der Sammlung Goetz .

Gekrönt wird der prächtige Palazzo durch seinen weltentrückten Zaubergarten, bevölkert von Dionysos-, Zeus- und Pan-Figuren. In dieser arkadischen Kulisse von bukolischem Liebreiz manifestiert sich noch einmal Stucks Italiensehnsucht und Antikenverehrung. Hier auch zelebrieren die Freunde der Nacht das alljährliche Sommerfest, mit viel Tamtam und – wenn es die Götter wollen – unter einem herrlich leuchtenden Sternenhimmel.