Meine Mutter ist eine katholische Dame von 81 Jahren, die jede Nacht vor dem Schlafengehen für jedes einzelne Familienmitglied, für die Lebenden und die Toten, betet. Sie achtet stets darauf, niemanden zu vergessen. Meine Mutter stammt aus einer bäuerlichen Familie, bei Ausbruch des Bürgerkriegs war sie sechs Jahre alt, eine lange Schulzeit hatte sie nicht, ihre Jugend verbrachte sie unter dem unwidersprochenen Diktat der franquistischen Propaganda und des katholischen Fundamentalismus. Wie viele Menschen ihrer Generation, viele Frauen zumal, besuchte sie nach dem Ende der Diktatur jedoch die Abendschule und fand zu einem überaus offenen Weltbild. Heute liest sie viel, vor allem Romane – darunter auch die Romane ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter –, und hat eine instinktive Abneigung gegen den Papst, obwohl sie an ihrem Glauben festhält.

Meine ach so katholische Mutter fand es jedenfalls unnötig, eine der endlosen Fernsehsendungen zu verfolgen, die sich dem jüngsten Papstbesuch in Madrid widmeten. Vor Jahren schon hat sie mit großer Begeisterung die standesamtliche Trauung ihres gerade geschiedenen Sohnes gefeiert, heute lädt sie ganz selbstverständlich den Freund ihres schwulen Enkels zu sich nach Hause ein und bezieht ein Doppelbett für die beiden, wenn sie zu Besuch kommen. Sollte sich dieser Enkel einmal zum Heiraten entschließen, dann wird meine Mutter, das weiß ich genau, mit einer gewissen inneren Verunsicherung, aber auch mit vollkommener Natürlichkeit, mit jener neuen Weltläufigkeit, die zu den Symptomen des großartigen Wandels zählt, den Spanien seit den sechziger Jahren erlebt hat, zu seiner Hochzeit gehen.

Wenn man politische Veränderungen beurteilen will, dann schaut man gern auf die Jugend. In Spanien waren es aber viele heute ältere Leute, unsere Väter und Großväter, Mütter und Großmütter, die sich am meisten und im besten Sinne veränderten – obwohl sie viele Jahre unter der grausamen Bürde von Angst und Indoktrinierung zu leiden hatten. Dennoch wählten sie bei den ersten freien Wahlen umstandslos links, akzeptierten, dass ihre Kinder sich standesamtlich trauen und wieder scheiden ließen, dass die Kinder ohne Trauschein zusammen lebten. Sie selbst hielten unterdessen die Bande der familiären Solidarität aufrecht, indem sie sich um die Enkel kümmerten, ihren Kindern Zuflucht gaben, wenn sie sich trennten, und sie wieder aufnahmen, wenn sie keine Arbeit mehr hatten.

Ich weiß nicht, wie viele Katholiken in Spanien heute so sind wie meine Mutter: seelenruhig zur Messe oder zu einer gleichgeschlechtlichen Hochzeit gehen, aber jede Nacht für die Lebenden und die Toten beten. Ich weiß aber, dass diese tolerante Generation immer unsichtbarer wird und dass der jüngste Papstbesuch eine ohnehin starke Identifikation zwischen der katholischen Kirche, der spanischen Rechten und den spanischen Rechtsradikalen weiter verstärkt. Wenn man den konservativen Medien Glauben schenkt, dann war der Erfolg des Weltjugendtages zugleich eine Vergeltung für die Feindseligkeit, die die sozialistische Regierung angeblich in den vergangenen sieben Jahre einem blühenden Katholizismus gegenüber an den Tag legte, außerdem eine Vorankündigung des Wahlsiegs der Partido Popular im November. Auf einem dieser Fernsehkanäle, die sich genau wie der US-amerikanische Sender Fox News dem Anheizen des ideologischen Wahns verschrieben haben, hörte ich jetzt einen Kommentator behaupten, man könne für die letzten Jahre »von einer Verfolgung der katholischen Kirche in Spanien sprechen«.

Wovon man wohl eher sprechen kann, ist eine traurige Reihe verpasster Gelegenheiten für die Kirche. Die Zapatero-Regierung hat durch ein neues Gesetz zum Abtreibungsrecht, das nun mit der Rechtslage in jedem anderen europäischen Land vergleichbar ist, und durch Legalisierung der Homosexuellen-Ehe die Kirche gegen sich aufgebracht. Und die politische Rechte hatte nichts Besseres zu tun, als mit der katholischen Geistlichkeit gemeinsame Sache zu machen. Die Rechte, die immer wieder versucht, die Regierung auf jede erdenkliche Art und Weise zu schwächen, ist in den letzten Jahren darauf verfallen, ihre extremistischste Klientel zu pflegen. Was die Kirche betrifft, so entspringt ihr politischer Aktivismus dem Wunsch, sich einem lawinenartigen Verlust an gesellschaftlichem Boden entgegenzustemmen. Die überwältigende Mehrheit der Spanier wird zwar aus einer Art kultureller Trägheit weiterhin katholisch getauft, doch die Zahl der Gläubigen ist seit Jahren stabil rückläufig. Regelmäßig zur Kirche gehen heute nur zwölf Prozent der Spanier.

Es ist ein spanisches Paradox, dass der Säkularisierungsprozess, der vor allem durch seine Geschwindigkeit beeindruckt, von der Präsenz äußerlicher Symbole des Katholizismus verdeckt wird. Viele Menschen heiraten kirchlich, feiern die Kommunion ihrer Kinder mit großem Aufwand und nehmen im Frühling an den Osterprozessionen teil. Doch dieselben Menschen gehen nie oder fast nie zur Kirche, lassen sich scheiden, benutzen Kondome und suchen, im Fall der Fälle, eine Abtreibungsklinik auf.