ZEITmagazin: Frau Schleime, Sie haben eine Friseurlehre gemacht, eine Punk-Band gegründet, Malerei studiert, Schmalfilme gedreht... Sie haben viel experimentiert. Waren Sie auf der Suche nach etwas?

Cornelia Schleime: Das bin ich heute noch. Man sucht ja immer sich selbst, das hört nie auf. Was meine Ausbildung angeht, so war das sehr kalkuliert. Ich wollte Malerin werden, hatte aber kein Abitur, deshalb brauchte ich in der DDR eine Friseurlehre als Voraussetzung für ein Maskenbildnerstudium. Von da konnte ich dann in das Malereistudium wechseln. Als Malerin wurde ich mit einem Ausstellungsverbot belegt, deshalb gründete ich die Punk-Band. Als das Auftrittsverbot folgte, arbeitete ich in einer Keramikwerkstatt...

ZEITmagazin: Aber auch später, im Westen, haben Sie sich nie eindeutig für die Malerei entschieden.

Schleime: Ich versuche, für das, was ich erlebe und empfinde, eine Parabel zu finden. Das geht nicht immer in jedem Medium, deshalb muss ich hin und her switchen. Ich will auch oft ausbrechen, weil ich mich ganz schnell langweile. Ich habe einfach Hummeln im Arsch.

ZEITmagazin: Und das Leben hier auf dem Land ist Ihnen nicht zu langweilig?

Schleime: Nein, ich halte die Einsamkeit sehr gut aus. Ich brauche keine Anregung, weil in mir schon so viel ist. Hier kann ich diese Dinge endlich rausbringen. Komischerweise ist es mir auf dem Land auch nicht zu eng, eben weil ich hier meinem extremen Gestaltungstrieb nachgehen kann. Sonst fühle ich mich schnell eingesperrt. Ich mag keinen Mief, keine Regeln. Deshalb habe ich noch nie mit einem Mann unter einem Dach zusammengelebt. Ich war oft verliebt, ich hatte Beziehungen, aber dieses Eiapopeia mit einem Mann, der immer um mich ist, das passt nicht zu den Obsessionen, um die es mir in der Malerei geht.

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ZEITmagazin: Auch in der DDR fühlten Sie sich eingesperrt...

Schleime: Sie war piefig und eng. Ich stellte fünf Ausreiseanträge, zusammen mit meinem Freund. Ihn ließen sie gehen, mich ließen sie schmoren. Die Stasi wollte demonstrieren, dass sie auch eine Liebe kaputt machen kann. Dann stellte ich den Antrag, ihn heiraten zu dürfen, weil ich danach zu ihm hätte ausreisen können. Ich hatte schon das Hochzeitskleid nähen lassen, doch einen Tag vor der Hochzeit verweigerte man ihm die Einreise. Ich fühlte mich um meine Liebe betrogen, ich wurde depressiv. Das war ganz furchtbar.

"Mein künstlerisches Werk aus zehn Jahren – alles war weg"

ZEITmagazin: Was hat Sie gerettet?

Schleime: Die Absurdität der Stasi. Ich sagte zu meinem Freund am Telefon, dass ich es nicht mehr aushalte und etwas unternehmen müsse. Ich wollte in der Kirche, einem öffentlichen Ort, in den Hungerstreik treten – so lange, bis sie mich ausreisen ließen. Dieses Telefonat wurde abgehört, und plötzlich hieß es, ich müsse innerhalb von 24 Stunden die DDR verlassen.

ZEITmagazin: Das war 1984. Konnten Sie Ihre Bilder mitnehmen?

Schleime: Ich kannte einen Diplomaten von der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin. Der bot mir an, im Auto zwei Kartons in den Westen zu bringen. Weil für einen Künstler immer die letzten Arbeiten die wichtigsten sind, habe ich meine Super-8-Filme eingepackt und die drei dicken Bildtagebücher. Eine Freundin machte in der Nacht noch eine Liste aller Kunstwerke: Hunderte Ölbilder, Zeichnungen, Skulpturen. Die wollte ich später nachkommen lassen. Aber dann wurde die Wohnung aufgebrochen. Kleider, persönliche Fotos, mein künstlerisches Werk aus zehn Jahren – alles war weg. Vielleicht war das auch in gewisser Weise eine Rettung.

ZEITmagazin: Inwiefern?

Schleime: Ich hatte nur meine Filme und die Fotobücher. So bekam ich Kontakt zur Experimentalfilmszene in West-Berlin. Und die Senatsstelle, die sich um Künstler aus der DDR kümmerte, vermittelte mich an das Kupferstichkabinett, das ein Bildtagebuch von mir kaufte. Bis dahin hatte ich nur Sozialhilfe bekommen. Vier Mark täglich für mich und meinen Sohn, den ich aus der DDR mitgebracht hatte. Vier Mark für Essen und Farben. Und dann bekam ich 10.000 Mark. Das brachte mir Sicherheit und Unabhängigkeit. Die Fotobücher und die Filme bewahrten mich auch davor, zu sehr auf die Malerei festgelegt zu sein. Ich will nicht nur deshalb attraktiv sein, weil ich viele Bilder verkaufe.

ZEITmagazin: Trotzdem haben Sie jetzt angefangen, ein Motiv aus einem früheren Film zu malen?

Schleime: Ja, eine gefesselte Frau. In dem Film hängt sie, in Binden gewickelt, an einer Tür. Für mich ist das eine Parabel für mein Eingesperrtsein. Im Film, der damals in der DDR entstand, schließt sie immer wieder die Augen. Jetzt, auf dem Bild, hat sie die Augen auf – eine Frau, die aus ihren Fesseln ausbrechen kann.