Es gibt eine Geschichte, die so oft erzählt wird, dass niemand mehr daran zweifelt: Zeitungen schrumpfen, irgendwann werden sie verschwinden, die einen früher, die anderen noch früher. Es geht ihnen schlecht.

Diese Geschichte schien auch zum Hamburger Abendblatt zu passen: Das Blatt lag einst auf jedem bürgerlichen Frühstückstisch der Stadt, die Hamburger lebten damit. Sie liebten es, ärgerten und mokierten sich über manchen schlechten Schreiber. Aber wenn es darauf ankam, trat das Abendblatt für die Stadt ein und übernahm die Rolle der Opposition, sobald die Konservativen wieder mal einen schwächlichen Kandidaten aufgestellt hatten.

Zugleich strahlte das Blatt über die Zeit eine heimatliche Wärme aus. »Die Machart« sei das stärkste Kaufargument, sagten die Leser noch vor einigen Jahren in einer Umfrage, die der Verlag in Auftrag gegeben hatte.

Das Abendblatt ist auch die Keimzelle von Deutschlands größtem Zeitungsverlag, der Axel Springer AG. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt Verleger Axel Springer zunächst die Lizenz für das Abendblatt, erst später gründete er Bild (1952) und Bild am Sonntag (1956). Seither finanzieren die drei Blätter die Expansion des Konzerns und trugen sogar noch zur Übernahme jener sehr teuren, aber schnell wachsenden Online-Firmen bei, auf die Vorstandschef Mathias Döpfner so stolz ist.

Wie viel das Abendblatt über die Jahre und Jahrzehnte abgeliefert hat, war immer ein Firmengeheimnis. Wer fragte, erntete eisernes Schweigen. In der Bilanz vermengten die Buchhalter die Hamburger Gewinne mit den Ergebnissen anderer Blätter. Sonst hätten die Anzeigenkunden ob der gigantischen Überschüsse wohl einen Rabatt verlangt.

Doch zuletzt lief es nicht mehr so gut. Die Auflage sinkt seit 2009 mehr als doppelt so schnell wie im Branchenschnitt. Statt 282.000 Exemplaren verkauft das Abendblatt samstags nur noch 250.000. Parallel dazu haben sich im Verlag Gerüchte ausgebreitet: Finanziell gehe es genauso steil abwärts. Aus der Cashcow von einst sei ein abgemagertes Rindvieh geworden.

Der geschäftsführende Redakteur Mark Hübner-Weinhold wies vor einigen Wochen per E-Mail an: »Wenn möglich, sollten wir öffentliche Verkehrsmittel nutzen [...]. Viele Kollegen gehen im Bereich der Innenstadt übrigens auch zu Fuß – das sorgt für Bewegung und schärft den Blick für Themen, an denen man im Taxi vorbeifährt.« Taxifahrten und Bewirtungen bedürfen seither einer besonderen Begründung.

Ob befristete Stellen durchgehend verlängert und freie Stellen wieder besetzt werden, dazu äußert sich die Pressestelle folgendermaßen: Es gelte, »bei jeder freien Stelle zu hinterfragen, ob und in welcher Form eine Nachbesetzung sinnvoll und notwendig ist«. In derselben Stellungnahme behauptet der Verlag auch: »Von einem Stellenabbau kann keine Rede sein.«

Der neue Chefredakteur Lars Haider äußert sich offiziell nicht, aber mehrere Journalisten des Hauses geben Aussagen wieder, die Haider in größerer Runde gemacht haben soll. Ihrer Erinnerung nach fielen Sätze wie:

Eine normale Regionalzeitung wie der Weser-Kurier habe 150 Redakteure. Das Abendblatt habe 202.

Der Konzern stelle einige Aufgaben. Eine heiße: sparen.

In fünf Jahren sitze man so nicht mehr zusammen.

Spätestens wenn sich solche Erinnerungen ins kollektive Bewusstsein einnisten, bezweifelt intern kaum einer mehr, dass das Hamburger Abendblatt ein Sanierungsfall ist. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, und manchmal ist eine halbe Wahrheit eine Lüge.

Zahlen, die mehrere Quellen unabhängig voneinander bestätigen, besagen: Die Umsatzrendite des Abendblatts ist schwindelerregend hoch. Sie liegt bei mindestens 20 Prozent. Damit gehört es zweifellos zu den erfolgreichsten und gewinnstärksten Unternehmen in ganz Deutschland. Verglichen mit dem Abendblatt, nehmen sich die Renditen bei Volkswagen, BMW und Siemens ziemlich bescheiden aus. Diese bewegen sich auch im Rekordjahr 2011 zwischen acht und zwölf Prozent.