Per Aufzug sollen Menschen, Satelliten oder gar Weltraumsonden eines Tages ins All steigen – sicher, billig und scharenweise. Die Lifts nach oben sollen die beschwerlichen Raketenflüge deutlich an Komfort überbieten. Das hört sich nach Science-Fiction an (so kommt in Frank Schätzings jüngstem Roman Limit ein Lift in den Weltraum vor). Doch das Konzept verfügt über ernsthafte Unterstützer, die nichts weniger als eine Revolution der Raumfahrt prophezeien.

Auf der Space Elevator Conference in Redmond im US-Bundesstaat Washington haben sie mit akademischem Eifer über die Idee diskutiert. Doch fehlt für eine Umsetzung die entscheidende Technologie. Und so bleibt die beste Antwort auf die Frage, wann – falls überhaupt – der erste Weltraumlift gebaut werden könnte, die des Schriftstellers Arthur C. Clarke (2001 – Odysee im Weltraum und Ein Fahrstuhl zu den Sternen), eines der ersten Vordenker des Konzepts. Sie lautete: »Etwa zehn Jahre nachdem jeder darüber zu lachen aufhört!«

Dabei ist die Physik hinter dem Konzept bestechend simpel, wenngleich sie unseren Alltagsvorstellungen widerspricht. Denn der Weltraumfahrstuhl soll nicht an einem Bauwerk hochfahren, das von unten nach oben gebaut wird. Vielmehr soll er an einem Seil hinaufklettern, das vom Himmel herunterhängt.

Der Plan: In etwa 35.000 Kilometer Höhe, in einer geostationären Umlaufbahn, würde eine Raumkapsel positioniert. Sie wäre die Hauptstation des Fahrstuhls. In dieser Höhe schweben auch Wettersatelliten, denn hier heben sich Erdanziehung und Zentrifugalkraft der Erddrehung auf. Dabei ist allerdings nicht die tonnenschwere Last des Seils berücksichtigt. Um sie auszugleichen, müsste es noch weiter ins Weltall hineinreichen (wo die Fliehkraft größer wird als die Erdanziehung). Der Teil des Fahrstuhlseils, der sich oberhalb der Station befände, würde nach oben ziehen. Der Draht hielte sich so selbst aufrecht – was allerdings eine Länge von mehr als 100.000 Kilometern erfordern würde.

Diese gewaltige Menge Material ins All zu bringen wäre noch nicht einmal die größte Herausforderung. Es fehlt der Wunderstoff, das Seil zu flechten. Allein um sein eigenes Gewicht auszuhalten, müsste er achtzigmal so stark sein wie Stahl. So einen Werkstoff gibt es nicht. Deshalb war der Lift lange eher Gegenstand von Romanen als von wissenschaftlichen Aufsätzen. Erst als in den 1990er Jahren neue Materialien entdeckt wurden, änderte sich das. Die Fahrstuhlvisionäre hofften auf die neu entdeckten Kohlenstoff-Nanoröhrchen. Ihre Widerstandsfähigkeit ließ plötzlich die Weltraumfantasie als realistisches Konzept erscheinen.

Die Nasa lobte einen Preis von zwei Millionen Dollar für denjenigen aus, der als Erster das Wunderseil entwickelt. Jährlich stellen nun Forscher ihre neuen Materialien vor. So wie kürzlich in Redmond. Zum fünften Mal fand der Wettbewerb nun statt, und zum fünften Mal gab es keinen Gewinner.

Offenbar gelingt es Wissenschaftlern noch nicht, das Potenzial der Nanoröhrchen in brauchbare Materialien für die Makrowelt umzusetzen. All die immer neuen Rekorde zur Belastungsfähigkeit werden nur im Labor und an winzigen Stückchen gemessen. Meterlange Fäden aus dem Stoff sind bislang überraschend schwach.

Während die Materialforscher nur sehr mühsam vorankommen, träumen die Konzeptentwickler in Redmond weiter (welcher Antrieb für die Fahrstühle? Anzahl der Lifts? Gleichzeitiges Hoch- und Runterfahren?).

Die Fahrstuhlfans wollen offenbar gut vorbereitet sein. Wenn einst das superstarke Material gefunden ist, wenn der Draht nach oben einmal hält – dann soll alles ganz schnell gehen.