Bald schon, im September, beginnt in der ARD die Zeit der "totalen" (Heiner Geißler) Talkshow, dann fließt von Sonntag (Jauch) bis Donnerstag (Beckmann) dieselbe breitgetretene Meinungsmaische quer durch die Woche. Hans Olaf Henkel, Arnulf Baring und Hans-Ulrich Jörges müssen den Sender dann gar nicht mehr verlassen, sie können sich von der ARD Garderoben auf Lebenszeit einrichten lassen. Zuvor aber begeht das Erste noch einen anderen Ausuferungsirrsinn, diesmal einen wagemutigen: Am Montag, 29. August, sendet sie, von 20.15 Uhr bis um ein Uhr nachts, nacheinander drei je abendfüllende, selbst produzierte Filme, die alle zusammengehören, sich aufeinander beziehen und am selben Ort und zur selben Zeit spielen.

Drei der besten deutschen Regisseure, Christian Petzold , Dominik Graf und Christoph Hochhäusler , haben sich verbündet, weil sie unter dem fehlenden Zusammenhang und der schlechten Gesprächskultur in der deutschen Filmszene litten, und den Zusammenhang hergestellt: im Fernsehen. Es entstand ein Gemeinschaftswerk in drei Teilen , und am Montag ist das Ganze zu sehen, zuerst Petzold (Etwas Besseres als den Tod, 20.15 Uhr), dann Graf (Komm mir nicht nach, 21.45 Uhr) und zuletzt Hochhäusler (Eine Minute dunkel, 23.30 Uhr).

Das Projekt hat den Obertitel Dreileben . Damit wird nicht nur die Dreifaltigkeit der Regieperspektive bezeichnet, es wird auch ein neuer Ort auf die cineastische Weltkarte gehoben, denn Dreileben ist der Name der fiktiven thüringischen Kleinstadt, in der die drei Filme spielen (gedreht wurde in Suhl, und als geheime Partnerstadt von Dreileben darf man David Lynchs Twin Peaks vermuten).

Die Lust, gemeinsam eine Welt zu erschaffen, verrät sich noch im Detail: Die Autos in diesen Filmen fahren mit dem Nummernschild DRL (für Dreileben) durch den langen Abend. Worum geht es in Dreileben? Ganz kurz: Ein Gefangener ist auf der Flucht, und um ihn her geht das Leben der anderen weiter. Ein wenig ausführlicher: Ein Sexualstraftäter namens Molesch (Stefan Kurt) flieht aus dem Krankenhaus, in dem er Abschied von seiner verstorbenen Mutter nahm. Er verbirgt sich in den Wäldern, die Polizei ist ihm auf den Fersen, immerzu hört man Hubschrauber-Schrapp-Schrapp und Polizeihundegebell.

Der Abend endet düster

Film I (Petzold) zeigt, wie der Zivildienstleistende Johannes (Jacob Matschenz) dem Straftäter aus Versehen die Flucht ermöglicht und sich später in ein bosnisches Mädchen namens Ana (Luna Mijovic) verliebt, das er am Ende wieder verlässt; Ana wiederum hat, weil Johannes sie verlassen hat, eine verhängnisvolle Begegnung mit Molesch.

Film II (Graf) zeigt, wie eine Münchner Polizeipsychologin namens Jo (Jeanette Hain) sich nach Dreileben aufmacht, weil sie ein polizeiinternes Verbrechen aufklären soll. In Dreileben trifft sie eine alte Münchner Freundin, Vera (Susanne Wolff), wieder. Jo darf bei Vera und deren Ehemann, dem Schriftsteller Bruno (Mišel Matičević), wohnen, und der größte Teil von Komm mir nicht nach widmet sich der Beziehung zwischen Jo und Vera. Beide liebten einmal denselben Mann, Jo hat ein Kind von ihm; indem Jo also ins ferne Thüringen aufbricht, wird sie mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Figuren aus Film I ziehen am Rand vorbei, Triebtäter Molesch kommt aber kaum vor, er rastet nur einmal nachts in Veras Garten, keuchend und erschöpft, und wird am Ende gefasst.

Film III (Hochhäusler) gibt nun dem armen Molesch, der bislang als Phantom durch den Abend hasten musste, Seele und Stimme. Eine Minute Dunkel zeigt, dass Molesch gar nicht schuldig ist – und entlässt ihn am Ende doch ins Böse. Dieser Film, der letzte, entfernt sich am weitesten von herkömmlicher Dramaturgie, er zeigt zwei einsame Männer, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass ihre Zeit abgelaufen ist: einerseits Molesch, in seinen Untergang fliehend, andererseits den herzkranken Kommissar Kreil (Eberhard Kirchberg), der, selbst schon verdämmernd, Molesch fassen will, indem er sich – es ist sein letzter Fall – vollkommen in ihn hineinversetzt. Figuren aus Film I und II tauchen auf, lauschen, spähen herein, gehen ihrer Wege, ahnen nicht den Zusammenhang – und der Abend endet düster, um nicht zu sagen: fern allen Trostes.