Es gibt einen Satz, den man in Portland von jedem hört. Vom Bürgermeister. Von Stadtplanern. Von Konzernchefs. Von den Bewohnern Portlands sowieso. "Diese Stadt ist anders", lautet der Satz – doch während das anderswo nach Werbekampagne und Marketingstrategie klingt, ist der Satz in Portland Programm. Dies ist die grünste Stadt der USA . Ein Modell für den Rest Amerikas. Hier entsteht die Stadt der Zukunft. Während der Rest des Landes in Agonie verfällt, zeigt Portland, wie man auch in den USA mit einem grünen Gewissen besser wohnen, leben, reisen und arbeiten kann. Und wie sich damit sogar Geld verdienen lässt.

Zu einer besonderen Stadt gehören besondere Leute. Menschen, die bereit sind, Regeln zu brechen und Konventionen abzuräumen. Menschen, die Dinge einfach anders machen als bisher.

So ein Mensch ist Dennis Wilde. Er steht vor einem glasverspiegelten Wolkenkratzer. "The Henry" heißt der und liegt mitten im Pearl District, einem bunten Szeneviertel, ganz in der Nähe der Innenstadt. Wilde hat den Turm gebaut. "Das ist das erste amerikanische Wohnhaus mit goldener LEED-Auszeichnung", sagt der weißhaarige Mann und ist offensichtlich stolz. "Das ist etwas Besonderes. Gebäude mit dieser Medaille müssen außergewöhnlich umweltfreundlich sein, Energie und Wasser sparen und Müll vermeiden."

15 Stockwerke, 123 Ökowohnungen und alle im Rekordtempo verkauft: Das Haus ist ein Riesenerfolg und längst nicht Wildes einziger. Der Mann ist ein bekannter Immobilienentwickler. Er gehört damit zu einer mächtigen Zunft, aber er ist anders als die Konkurrenz. Traditionell sind Leute wie Wilde für die Verwirklichung des Amerikanischen Traums zuständig: für das frei stehende Eigenheim im Grünen . Die meisten seiner Kollegen bauen so und verbrauchen dafür gern viel Natur. Sie bevorzugen Retortensiedlungen auf der grünen Wiese, dort wo schnell und billig immer neue, immer größere, energiefressende Siedlungen entstehen können.

Wilde war immer anders und passt damit nach Portland. Der Mann möbelt mit Vorliebe städtische Gegenden auf, füllt Baulücken und renoviert alte Gebäude. Er tut das alles nach den neuesten Ökostandards, und dabei treibt ihn nicht nur das grüne Gewissen. Nachhaltiges Bauen lohnt sich hier. Portland lockt seine Immobilienentwickler mit Steuervergünstigungen – wenn sie beim Bauen strenge Umweltstandards einhalten. Besonders zuvorkommend sind die Stadtoberen, wenn Neues dann auch noch mitten in der Stadt entsteht.

Wilde und seine Kollegen bauten im Pearl District eine alte Brauerei nach Ökoregeln um. An der South Waterfront entwickelten sie weitere prämierte Wolkenkratzer, dort entsteht ein ganzes Ökoviertel. Portland konnte so früher als viele andere amerikanische Städte sein Zentrum wieder beleben. Dort gehen die Leute schon lange wieder "in die Stadt", wenn sie ausgehen. Für viele Amerikaner ist das ungewöhnlich. Zugleich wurde Portland so zu einer Brutstätte für grüne Immobilienentwickler. Längst gelten sie auch jenseits der Stadtgrenzen als Experten für nachhaltiges Bauen. Dabei geht es den meisten um mehr als nur ein bisschen Ökoluxus für die hippe Mittelschicht.

Grüne Stadtentwicklung bedeutet auch, lebendige Viertel zu erhalten. "Deswegen müssen wir auch die weiche Infrastruktur weiterentwickeln", sagt Wilde. Im Pearl District zeigt sich, was das heißt: In Hunderten von Nachbarschaftssitzungen wurde dort besprochen, wie man die Gegend renoviert, ohne die junge und kreative Szene zu vertreiben. Grüne Politik bedeutet für Wilde auch Basisdemokratie: "Die Bürger hier reden gern von Anfang an mit. Dann tragen sie die Entscheidungen aber auch." Wilde schnappt seinen Fahrradhelm, natürlich radelt er und steigt nicht in einen Geländewagen, und sagt zum Abschied: "Zum Leben ist Portland die beste Stadt Amerikas."