Keine Rücksicht auf Freunde

In den Jahren der Krise zeigt sich, wie hart der künftige Vorstandschef sein kann. Rajeev Misra hat damals in der Finanzwelt den Ruf eines Genies. Er ist ein hagerer Typ mit Ringen um die Augen und trägt die Haare etwas zu lang. Misra geht in Indien auf dieselbe Schule wie Jain und studiert in den USA Ingenieurwissenschaften. In den neunziger Jahren kommt er zur Deutschen Bank und wird 2004 Chef des Kredithandels. Er ist zuständig für das boomende Geschäft mit Kreditderivaten. In den wilden Jahren gilt er zeitweise als das eigentliche Gehirn der Deutschen Bank. Misra liebt das Risiko.

Im Juni 2008 verlässt er die Deutsche Bank, offiziell um eine Auszeit zu nehmen und einen Fonds aufzumachen. Doch der Grund für die Trennung ist ein anderer: Man passt einfach nicht mehr zueinander. Anshu Jain hat beschlossen, dass die Deutsche Bank braver werden soll, und richtet die Sparte neu aus. Wenige Monate später geht auch Boaz Weinstein, ein begnadeter Händler und ebenfalls enger Vertrauter. Ohne Rücksicht auf Verluste baut Anshu Jain das Investmentbanking um. Er schließt den Eigenhandel und streicht 25 Prozent der Stellen in der Investmentsparte. Viele, die bleiben, bekommen neue Aufgaben. Spezialisten für Finanzderivate müssen plötzlich Kunden beraten.

In Frankfurt fürchten viele, dass Anhu Jain die Deutsche Bank in ein riesiges Investmenthaus verwandeln wird, wenn er erst einmal an der Spitze steht – doch der tut nach der Krise das Gegenteil. Er setzt sich dafür ein, stabile Ertragsfelder zu stärken. Das Geschäft mit Unternehmen und Sparern. Die Vermögensverwaltung. Den Kauf der Postbank unterstützt er – auch wenn einige seiner Investmentbanker dagegen sind. Das alte Geschäftsmodell habe der Bank zwar über Jahre "gute Dienste geleistet", sagt Jain 2010. Es führe aber "kein Weg zurück". Die Gesellschaft akzeptiere nicht länger, dass die Banken Geschäfte eingingen, die ihnen hohe Gewinne bringen könnten, für die im Verlustfall aber der Steuerzahler aufkommen müsse.

Wenige Monate nach dem Weggang von Weinstein sagt Jain dem Fachblatt Euromoney, die Entscheidung sei "herzzerreißend" gewesen, aber "intellektuell richtig" und im Interesse des Unternehmens und seiner Aktionäre. Es ist ein seltener Blick in sein Inneres, der eine Zerrissenheit offenbart, die man ernst nehmen muss. Loyalität ist für Jain ein hoher Wert, viele seiner engsten Mitarbeiter sind Gefährten der ersten Stunde, mit Misra ist er weiter befreundet. Aber das Geschäft geht vor. Jain lässt sich in seinem Leben fast immer von dem leiten, was er für "intellektuell richtig" hält.

Der Mann mit dem Rucksack

Darf ein Inder die Deutsche Bank führen? Diese Frage wird in diesen Tagen häufig gestellt. Das Problem daran: Die Frage führt in die Irre.

Jain wird in Jaipur im Bundesstaat Rajasthan im Norden Indiens geboren. Sein Vater arbeitet im öffentlichen Dienst. Die Eltern sind wohlhabend, aber nicht reich. Als Jain sechs Jahre alt ist, zieht die Familie in die Hauptstadt Neu-Delhi. Dort verbringt er seine Jugend, unterbrochen von einem Aufenthalt in Kabul, als der Vater nach Afghanistan versetzt wird. Jain geht auf die Delhi Public School on Mathura Road, danach studiert er Volkswirtschaft am staatlichen Shri Ram College. Er ist gut, aber kein Streber. Zwei Tage vor der Abschlussprüfung spielt er lieber Cricket, statt für den Test zu lernen, so erzählt es ein Studienfreund, Lokesh Sharma.

Jain ist stolz auf sein Heimatland, er baut derzeit ein Haus in Delhi, und als das Topmanagement der Deutschen Bank einmal seine Jahrestagung auf dem Subkontinent abhielt, spielte er mit dem Vorstand in Jaipur eine Runde Elefantenpolo.

Und doch sind die Jahre in Indien nur ein Teil seines Lebens. Er gehört einer alten indischen Glaubensrichtung an, doch ein religiöser Mensch ist er nicht. Schon mit 20 Jahren geht er mit seiner Frau Geetika, die er auf dem College kennengelernt hat, in die USA. Er studiert Betriebswirtschaft an der University of Massachussetts in Amherst – eine solide Universität, aber keine der Top-Adressen. Schon während des Studiums interessiert er sich für Finanzen. Karrierepläne werden daraus erst, als er von Amherst aus nach New York reist und die Wall Street besucht. Jain geht zu Kidder Peabody, dann zu Merrill Lynch. Es sind heiße Jahre im New Yorker Finanzdistrikt, eine Fusionswelle rollt, das Geschäft mit Anleihen boomt. Es ist jene wilde Ära, die Oliver Stone in seinem Film Wall Street verewigt hat.

Die Jahre in den USA und Großbritannien und die Reisen, die er in nunmehr 16 Jahren bei der Deutschen Bank absolviert hat, prägen ihn. Allein 2010 war er rund 140 Tage unterwegs. Anshu Jain ist überall zu Hause – und nirgends. Er sei ein "denationalisierter Mensch" sagt einer, der mit ihm in Deutschland zu tun hatte.

Auch in den Zirkeln der Investmentbanker ist er nie ganz heimisch geworden. Ihre Statussymbole bedeuten ihm wenig: Privatjets, erlesene Kunstsammlungen oder ausschweifende Partys – Jain hat dafür nicht viel übrig. Seine Unterlagen trägt er in einem schwarzen Rucksack umher, einfach weil es praktischer ist. In London fährt er U-Bahn, wenn er so am schnellsten ins Büro kommt – bei den Anschlägen 2005 blieb er in der tube stecken, wie so viele andere auch. Im dritten Stock von Winchester House, der Zentrale der Deutschen Bank in London und Jains Machtzentrum, hat er ein Büro zwischen anderen. Darin Standardmöbel. Sein Haus im Londoner Westend ist schick, aber nicht protzig, es liegt in einer ordentlichen, aber nicht edlen Straße. Im altehrwürdigen Marylebone Cricket Club ist er nur als assoziiertes Mitglied eingetragen. In Gesprächen kommt er ohne lange Vorrede zur Sache und beendet die Konversation ohne große Abschiedsworte. Es geht um den Inhalt, nicht um die Form.

Seine Heimat ist seine Familie. Ist an den Märkten wenig los und steht kein Termin mehr an, kommt es vor, dass er um fünf oder sechs Uhr sein Büro verlässt. 24 Stunden erreichbar, aber zu Hause.