Knifflig ist es allerdings, sowohl der charmanten Crowdfunding-Idee als auch den wissenschaftsüblichen Transparenz- und Qualitätsstandards gerecht zu werden. Andrea Gaggioli schlägt sich seit drei Jahren mit diesem Problem herum. Schon im September 2008 propagierte der Psychologe von der katholischen Universität Mailand Crowdfunding in der Wissenschaftszeitschrift Science vor allem als Möglichkeit für junge Wissenschaftler mit neuen, riskanten Ideen. Seit 2009 bastelt der Italiener an dem Projekt Open Genius. "Technisch könnte die Plattform schon längst online sein, aber ich muss zuvor noch jede Menge offene Fragen klären", sagt Gaggioli.

Dann zählt er auf: Wie stellt man Glaubhaftigkeit und Qualität der webbasierten Förderanträge sicher? Wie gewährleistet man, dass Ideen nicht einfach von anderen Forschern abgekupfert werden? Wie können Forscher ihren Spendern Rechenschaft über die Verwendung der Mittel ablegen? Wie verhindert man Betrug? Der Innovator findet: "Die bisherigen Crowdfunding-Plattformen für Wissenschaft machen es sich zu einfach." Schließlich stellen sie keine andere Funktionalität zur Verfügung als die digitale Variante eines x-beliebigen Aufrufs zur Wohltätigkeit. Auch bei Schwarmfinanzierung, so Gaggioli, müsse man stets auf den guten Ruf und die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft achten.

Darum soll jeder, der einen Förderantrag auf Open Genius bekannt machen will, zuvor die Verbindung zu einer anerkannten Forschungseinrichtung nachweisen müssen. Alle Projektbeschreibungen werden vorab einem Kreuzgutachten unterzogen. "Das Gutachten wird gemeinsam mit der Projektbeschreibung veröffentlicht, so kann sich jeder potenzielle Spender ein möglichst objektives Bild machen", sagt Gaggioli. Ein ganz ähnliches Konzept verfolgt das amerikanische Open Source Science Project (OSSP), das Mitte September die ersten Förderanträge publizieren soll, rechtzeitig zum Start des Wintersemesters.

Vogelforscherin Alison Styring ist noch ohne Gutachten und Siegel zur Spendensammlung angetreten. Für sie war die wichtigste Frage, wie sie Begeisterung für ihr Projekt erzeugen kann – und was sie im Gegenzug anbieten soll. Da fiel ihr ein ganz und gar vogelkundlicher Weg ein, die Spender am Erfolg einer möglichen Expedition teilhaben zu lassen. Sie verspricht ihnen Sounddateien mit den Lauten des Urwalds: zehn Minuten für einen Obulus von zehn Dollar, ab 100 Dollar gar eine komplette CD voller Borneo-Sounds und einen persönlichen Dankesbrief. Die großzügigsten Geldgeber werden zudem namentlich auf der Website des Projekts erwähnt.

Egal ob viele Dollar oder nur ein einziger – die Forscherin hofft, dass alle Spender das Gefühl erhalten, ein wichtiges Projekt ermöglicht zu haben. Die Natur in Indonesien gerate durch menschliche Nutzung unter immer stärkeren Druck, Eile sei geboten, bevor die letzten unberührten Zonen für immer verschwänden: "Wir wollen die Klänge dieses Urwalds aufzeichnen und kartografieren, solange wir noch können." Dafür ist sie sich auch nicht zu schade, mit der Sammelbüchse klappern zu gehen.

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