ZEIT: Auch der Papst ist kritisch gegenüber den deutschen Reformdiskussionen?

Zollitsch: Er war ja Hochschullehrer hier, und bis heute kennt er seine Kollegen, sogar namentlich, ausgesprochen gut. Er meint wie ich auch, manche Diskussionen müssten so nicht sein. Aber er ist in diesem Punkt gelassener als manch anderer in Rom.

ZEIT: Trotzdem scheint – nach der Euphorie des Anfangs – bei vielen Deutschen Gleichgültigkeit eingekehrt zu sein gegenüber dem Landsmann auf dem Papst-Thron.

Zollitsch: Das ist tatsächlich nicht einfach zu erklären. Einerseits folgt Höhepunkten immer eine gewisse Normalität. Vielleicht gibt es bei uns auch einen besonderen Hang zur Selbstkritik. Wir sind in Gefahr, unsere Freude stets in unser Herzkämmerlein zu verschließen. Dazu kommt sicher, dass wir rasch der Auffassung sind, man müsse in Rom genauso denken wie wir. Das übersieht aber die Größe und Vielfalt der Weltkirche.

ZEIT: Verträgt denn der Papst Kritik?

Zollitsch: Schön ist, dass man mit ihm offen diskutieren kann. Er ist auf keinen Fall der distanzierte Professor oder Papst, der sich anderen Meinungen verschließt.

ZEIT: Er ist kein Übelnehmer?

Zollitsch: Nein, er nimmt einem Offenheit nicht übel.

ZEIT: Aber es gibt Übelnehmer im Vatikan?

Zollitsch: Manche im Vatikan haben den Eindruck, die Deutschen wollten am liebsten selbst bestimmen, wann und wozu der Papst sich äußert. Und das kritisieren sie.

ZEIT: Bundespräsident Wulff hat sich sehr für den Besuch von Benedikt in Deutschland eingesetzt. Wulff ist katholisch, geschieden und wieder verheiratet. Nach den geltenden Regeln ist er darum vom Abendmahl ausgeschlossen. Gibt das in der katholischen Hierarchie zu denken?

Zollitsch: Selbstverständlich gibt das zu denken. Der Bundespräsident hat sehr viel Wert darauf gelegt, dass der Papst kommt. Wir stehen ja ganz allgemein vor der Frage, wie wir Menschen helfen, deren Leben in wichtigen Dingen unglücklich verlaufen ist. Dazu gehört auch eine gescheiterte Ehe. Das ist eine Frage der Barmherzigkeit, und darüber werden wir in nächster Zeit intensiv sprechen.

ZEIT: Was ist denn Ihre Antwort: Ist der Bundespräsident ein guter Katholik?

Zollitsch: Er ist für mich ein Katholik, der seinen Glauben lebt und darunter leidet, wie die Situation ist. Ich bin dem Bundespräsidenten dankbar für sein öffentliches Glaubenszeugnis.

ZEIT: Aber das ist schon gravierend: Manche Regeln Ihrer Kirche sind so strikt, dass ihnen nicht einmal ein Staatsoberhaupt gerecht werden kann.

Zollitsch: Das ist eine ernste Frage, mit der wir uns befassen müssen. Und ich persönlich hoffe, dass ich da auch noch ein Stück Weg erleben werde.

ZEIT: Und wenn Wulff sich bei Ihnen um die Kommunion anstellen würde, würden Sie die Schale zurückziehen?

Zollitsch: Ich glaube nicht, dass er sich anstellt.

ZEIT: Neben dem Bundespräsidenten trifft der Papst in Berlin den Regierenden Bürgermeister. Auch Klaus Wowereit ist Katholik, und weil er homosexuell ist, sagt seine Kirche auch ihm, er lebe in Sünde. Verstümmelt sich die Kirche nicht selbst, indem sie so viele Gruppen ausschließt?

Zollitsch: Solche Situationen machen mir Sorge, das spüren Sie. Wir müssen wirklich schauen, wie wir Antworten auf Fragen der Lebensführung geben, die auch theologisch fundiert sind.

ZEIT: Sie stehen vor einem Problem, das sich ja auch Unternehmen oft stellt: Wie kann man sich verändern, ohne sich selbst zu verraten?

Zollitsch: Ja, wir müssen ein Stück Umbauarbeit leisten im laufenden Betrieb. Als Katholiken macht uns aus, dass wir dabei immer möglichst große Teile der Gläubigen mitnehmen wollen.

DIE ZEIT: Fürchten Sie nicht, dass der Papst-Besuch Enttäuschung produziert – so viele Worte und Auftritte, aber am Ende vielleicht wenig Bewegung?

Zollitsch: Wir dürfen diesen Besuch nicht überfrachten und überfordern mit zu vielen Erwartungen. Er selber ist da sehr realistisch und sagt, Sie können nicht davon ausgehen, dass einen Tag nach meinem Besuch alles anders ist in Deutschland.

ZEIT: Darf man sich in der Frage der Ökumene was erwarten von diesem Besuch?

Zollitsch: Ich gehe von einem Impuls aus, ja.