ZEIT: Wie könnte der aussehen?

Zollitsch: Nun lassen Sie den Heiligen Vater doch überhaupt erst mal ankommen!

ZEIT: Dann fragen wir langfristig: Werden unsere Kinder das Fallen des Zölibats noch erleben?

Zollitsch: Ich glaube nicht, dass die Lösung der Weltkirche so ist. Ich glaube aber, dass wir in der Frage der wiederverheirateten Geschiedenen weiterkommen werden – zu meinen Lebzeiten.

ZEIT: Was sagen Sie Mitstreitern, die ob der Langsamkeit der Veränderungen in der katholischen Kirche frustriert sind?

Zollitsch: Ich laufe auch manchmal Gefahr, müde zu werden, und denke: Warum geht es nicht schneller? Manchmal muss ich mir die nötige Geduld auch selber zusprechen.

ZEIT: Hat die Kirche überhaupt noch Einfluss in Deutschland?

Zollitsch: Die Politik sucht in sehr vielen Fragen den Kontakt mit uns, aber wir werden auch immer wieder angegriffen. Beides gehört zusammen. Benedikt hat gesagt: Wenn die Welt sich an der Kirche reibt, ist es ein Zeichen, dass sie den Glauben ernst nimmt.

ZEIT: Gibt es heute noch eine Partei, die dem Christentum näher steht als andere?

Zollitsch: Ich bin froh, dass wir eine Partei haben, die das C im Namen trägt. Das hat den Vorteil, dass ich sagen kann, was ich von dem C erwarte.

ZEIT: Muss ein guter Katholik CDU oder CSU wählen?

Zollitsch: Es ist sicher gut, dass die Unionsparteien weiter um das C ringen. Aber im Bezug auf seine Wahlentscheidung sollte jeder Katholik selbst abwägen, viel stärker als früher. Er kann dann zur Überzeugung kommen, welche sozialen Anliegen vielleicht bei anderen Parteien besser aufgehoben sind. Auch bei den Grünen stelle ich immer wieder Übereinstimmungen mit christlichen Überzeugungen fest.

ZEIT: Ist das Teil des Phänomens der Grünen als Volkspartei?

Zollitsch: Die ökologische Frage ist immer mit der Schöpfungsfrage verbunden. Und unser grüner Ministerpräsident Kretschmann macht aus seinem Glauben keinen Hehl und arbeitet etwa bei uns im Diözesanrat mit. Da hat sich sicher einiges verändert seit den Anfängen der Grünen.

ZEIT: Können die Grünen sich eine christliche Partei nennen?

Zollitsch: Sie sind eine Partei, in der viele Christen sich beheimatet fühlen.

ZEIT: Sie waren knapp zehn Jahre lang Leiter eines Priesterseminars – und die Bewerberzahlen stiegen. Wie bekommt man das hin?

Zollitsch: Es stimmt, in meiner Zeit hat sich die Zahl der Seminaristen verdoppelt. Es waren dann 20 bis 25 Priesterweihen pro Jahr. Das Entscheidende ist meiner Erfahrung nach die persönliche Ansprache, auf ganz vielfältigen Wegen. Über die Religionslehrer genauso wie darüber, interessierte junge Leute miteinander ins Gespräch zu bringen.

ZEIT: Was spricht junge Leute so sehr an, dass sie tatsächlich noch Priester werden wollen?

Zollitsch: Die fragen: Was bedeutet mir Gott, und was möchte ich davon weitergeben?, das sollte schon das Entscheidende sein. Dann kommt die Freude am gemeinsamen Leben in der Kirche hinzu, auch an der Liturgie.

ZEIT: Was hat Sie damals bewogen, Priester zu werden?

Zollitsch: Das war eigentlich eine ganz einfache Frage: Wofür lohnt es sich zu leben?

ZEIT: Sie erwähnen überhaupt nicht die Anziehung eines charismatischen, spirituellen Anführers?

Zollitsch: Natürlich spielt die Person, die vorangeht, eine Rolle. Das war früher oft ein Kaplan in der Gemeinde, es ist für viele auch Karol Wojtyła gewesen. Aber letztlich muss der Entschluss ein eigenständiger sein.

ZEIT: Gibt es eine Erklärung dafür, dass eine Figur mit enormen persönlichen Problemen und teils erschreckenden Ansichten wie Bischof Mixa in seinem Priesterseminar so großen Zulauf hatte?

Zollitsch: Das ist sicher eine Frage nach den Auswahlkriterien. Ich habe ein Prinzip, das hat sich bewährt: Das erste Nein ist das barmherzigste. Wenn ich zur Überzeugung komme, jemand ist nicht geeignet, dann sage ich das früh und klar.