Am Ende kann Kurt Powileit nur noch Ja sagen. Der Rest seines Wortschatzes ist schon vorausgegangen auf dem Weg, der ihm noch bevorsteht. Er trägt Windeln, er kann sich an sein Leben nicht mehr erinnern, er findet im Bad die Toilette nicht mehr. Sein einziger Sohn, der an Krebs erkrankte Alexander, muss, was danebenging, aufwischen. Das ist die Eröffnung des großen DDR-Buddenbrook-Romans, mit dem der 57-jährige Eugen Ruge in diesem Herbst debütiert.

Es ist die Geschichte vom Aufstieg und Verfall einer berühmten Intellektuellenfamilie des deutsch-demokratischen Establishments. Die Geschichte von Hoffnungen, Idealen und Lebensentwürfen, die in der Spanne eines einzigen Menschenlebens im 20. Jahrhundert aufblühten, florierten und wieder verschwanden. Der Windelgreis der Romaneröffnung ist ein DDR-bekannter Historiker. Die Gesamtregalbreite seiner Werke zur deutschen und sowjetischen Geschichte in seinem Bücherschrank hält, das schätzt der Sohn, mit der Gesamtregalbreite der Leninschen Werke mit. Beides ergibt ungefähr je einen Meter. Für diesen Meter Altpapier hat der Vater ein Leben lang gekämpft – um Worte, um Anerkennung, um Orden, um die Wahrheit. Doch nichts mehr ist davon gültig. Die Geschichte hat das Lebenwerk des Vaters vernichtet. Was im Jahr 2002 im Regal des Greises steht, ist in den Augen des Sohnes Makulatur, nichts als "halbwahres und halbherziges Zeug". Nur ein einziges Buch hat den Totalschaden des väterlichen Weltbildes überlebt. Dieses Buch, heißt es, sei ein "wichtiges, ein einzigartiges, ein ›bleibendes‹ Buch". Ein Buch, wie es der mit dem eigenen Untergang ringende Erbe dieser familiären und historischen Konkursmasse "nicht geschrieben hatte und nun wohl auch nicht mehr schreiben würde".

Das ist, insofern es Eugen Ruge betrifft, nicht wahr. Der in Berlin und im elterlichen Haus auf Rügen lebende Dramatiker und Drehbuchautor hat dem Leben einen Roman abgetrotzt, der das letzte große autobiografische Werk seines Vaters, des DDR-Historikers Wolfgang Ruge, nicht nur fortschreibt, sondern in einen großen deutschen Epochenroman überführt.

Wolfgang Ruges autobiografisches Buch Berlin – Moskau – Sosswa. Stationen einer Emigration erschien 2003 im Pahl-Rugenstein Verlag (eine überarbeitete und erweiterte Neuauflage ist für den Januar 2012 im Rowohlt Verlag unter dem Titel Gelobtes Land. Meine Jahre in Stalins Sowjetunion angekündigt) und war ebenfalls eine epochale Familiengeschichte, wie nur das 20. Jahrhundert sie schreiben konnte. Zu diesem letzten wichtigen Buch des Vaters unterhält der Roman des Sohnes viele freundschaftliche Anknüpfungen. Erzählt wird darin die Lebensgeschichte eines jungen Kommunisten, beginnend mit seiner Spartakuszeit in der Weimarer Republik bis zu seiner Rückkehr aus dem sowjetischen Gulag in die DDR. Man lernt hier bereits das Personal kennen, das auch in Eugen Ruges Roman auftritt. Die Großmutter Charlotte, die an der Seite ihres zweiten Ehemannes, des Kommunisten Hans Baumgarten, zunächst in Moskau für die Komintern arbeitet, dann über Paris nach Mexiko flieht. Und die Mutter Taja Kutikowa, die Eugen Ruge 1954 in Sosswa zur Welt bringt. Das Buch des Vaters endet, wo der Roman des Sohnes einsetzt: Mit der Rückkehr der Großmutter Charlotte und des Stiefvaters aus Mexiko in die DDR im Jahr 1952 und der Rückkehr der Familie aus dem Ural nach Ost-Berlin im Jahr 1956.

Doch das sind auch schon alle Ähnlichkeiten zwischen der literarischen Autobiografie des Vaters und dem autobiografischen Roman des Sohnes. Während der Vater in treuherziger Umständlichkeit von seinen Erlebnissen, seinen wachsenden Zweifeln und unumstößlichen Überzeugungen berichtet, glänzt der Sohn durch einen szenisch zugespitzten und ausgereiften literarischen Stil, orchestriert von zahlreichen, den Erzählfluss kunstvoll ausbremsenden energischen Doppelpunkten und Parenthesen. Seine große Familien-Elegie muss den Vergleich mit Uwe Tellkamps DDR-Roman Der Turm nicht scheuen.

Uwe Tellkamp überraschte vor allem westdeutsche Leser mit der Entdeckung, dass es in der DDR ein bürgerliches Milieu gegeben hat, das die Ideale der deutschen Klassik nahezu unberührt von den historischen Umbrüchen zu konservieren verstand. Sein Roman war nicht zuletzt deshalb so erfolgreich, weil er oberhalb des realen Geschichtsverlaufs einen freien Luftraum eröffnete, in dem geistige Kontinuität und familiäre Tradition gültig blieben, während sie am Boden der deutschen Wirklichkeit zerschellten. Eugen Ruge hat es ungleich schwerer. Er schildert das Leben einer überzeugten (dennoch Goethe lesenden) Kommunistenfamilie, deren Nachfolge niemand mehr antreten wird. Im Zentrum stehen der Vater und der Stiefvater, beide prominente Angehörige der deutsch-demokratischen Nomenklatura, am Rande agieren die Großmütter und die russische Mutter Alexanders. Die Szene, in der diese Familie zum letzten Mal im Ornat ihres Siegeswillens zusammenfindet und die immer wieder aus anderer Figurenperspektive erzählt wird, ist der 90. Geburtstag des hochdekorierten Stiefgroßvaters, der mit der Ausreise des Enkels aus der DDR im Jahr 1988 zusammenfällt. Alles Weitere ist Nachspiel, das Siechtum des Vaters, die Krebserkrankung des Sohnes, dessen Reise nach Mexiko auf den Spuren der Großeltern, die Sonnenuntergänge am Pazifik, die das Verglimmen der Hoffnungen einer Epoche und einer Familie symbolisch korrekt ins "abnehmende Licht" setzen.