Als Claudia Schiffer noch nicht das Supermodel war, sondern das Modeltalent, das gerade erst den Plan aufgegeben hatte, Jura zu studieren, war sie viel allein. Allein in Flugzeugen, in die ihre Agentur sie gesetzt hatte. Allein im Hotel oder beim Warten, bis sie bei einem Casting an der Reihe war. Um sich die Zeit zu vertreiben, hatte sie ein Kästchen mit Wasserfarben dabei und einen Block. Besonders oft malte sie Spinnen.

Zwanzig Jahre und eine lange Modelkarriere später hat Claudia Schiffer wieder mit Spinnen zu tun. Das Tier ist das Logo des Modelabels, das ihren Namen trägt, denn Claudia Schiffer ist nun nicht nur Model, sie ist auch Designerin ihrer eigenen Kollektion "Claudia Schiffer".

Claudia Schiffer empfängt in ihrem Townhouse im Londoner Stadtteil Notting Hill. Das Interview findet im Wohnzimmer statt. Sie trägt eine sandfarbene Stoffhose und eine schlichte Bluse. Vor wenigen Monaten hat sie eine Tochter geboren, ihr drittes Kind, das ist ihrer Figur nicht anzusehen. Sie nimmt unter einem großen Bild von Jackson Pollock Platz, an der Wand gegenüber hängt eine Lithografie von Christo, auch ein Damien Hirst ist in ihrer Sammlung. Auf dem Couchtisch liegen säuberlich gestapelt Bildbände über Coco Chanel und Modemagazine. Es sieht ein bisschen aus wie in einem Museum. Auf engem Raum stehen eine Sofagruppe, ein Esstisch und zwei weitere Sitzgruppen sorgsam arrangiert, wie in einer Designmöbelausstellung. Einzig die Xbox-Konsole neben dem Fernseher verrät, dass hier auch mal Jungs auf dem Boden lümmeln und Computer spielen. Aus der Küche sind das Geklapper von Geschirr und Kinderstimmen zu hören. Claudia Schiffer ist immer noch etwas aus der Puste, in der Schule sei heute Eltern-Kind-Sporttag gewesen, sagt sie. Die Kinder mussten an Wettkämpfen teilnehmen – und die Eltern auch. Und wie haben sie sich geschlagen? "Meine Kinder gut – ich nicht so sehr."

Claudia Schiffer in ihrem Wohnzimmer: Wie sie da sitzt und redet, merkt man plötzlich, dass man gar nicht viel von ihr weiß, obgleich sie seit 20 Jahren eine der bekanntesten Deutschen ist. Obwohl in Prominentenmagazinen immer wieder Paparazzi-Bilder auftauchen, die sie zeigen, wie sie mit ihrem Mann, dem Regisseur Matthew Vaughn, durch Notting Hill spaziert. Diese ruhigen Bewegungen, diese elegante Zurückhaltung. Müsste einem das nicht geläufig sein? Müsste sie einem nicht vertraut sein? Erst wenn man ihr gegenübersitzt, wird deutlich, wie sehr sie sich entzogen hat.

Aber Claudia Schiffer ist eben nicht allgegenwärtig. Gemessen an ihrer Prominenz, ist vor allem auffällig, was sie alles nicht gemacht hat. Sie hat kein Album aufgenommen wie Naomi Campbell. Sie hat ihren Namen nicht für Produktlinien verkauft wie Cindy Crawford (zuletzt für eine Schuhkollektion von Deichmann). Sie moderiert keine Fernsehshow wie Heidi Klum. Es gibt nicht einmal eine Schmucklinie oder ein Parfüm mit ihrem Namen. Sie war einfach nur Claudia Schiffer.

Bis zu ihrem 40. Geburtstag hat sie gewartet, um etwas Neues zu beginnen. In Paris hat sie Anfang dieses Jahres ihre erste Kaschmirkollektion vorgestellt, es war eine stille, vornehme Präsentation in einem Salon. Frau Schiffer empfing ihre Gäste in einem dunkelblauen Cape-Kleid und führte sie an den Stangen entlang, auf denen schlichte Strickpullover, Kleider und Capes hingen, in Grau und Blau. Die Marke Claudia Schiffer ist bislang nur in wenigen Boutiquen erhältlich. Die Designerin ist vorsichtig. "Man muss öfter Nein als Ja sagen, um in der Mode nach oben zu kommen."

Sie ist nicht das erste Model, das eine eigene Kollektion präsentiert. Kate Moss hat für die britische Kette Topshop designt. Gisele Bündchen hat für C&A Brasilien Kleider entworfen. Aber das waren Marketing-Gags bestehender Konzerne, bei denen es darum ging, mit einem möglichst bekannten Namen möglichst viele Kundinnen zu erreichen. Claudia Schiffer dagegen hat ihre eigene Marke gegründet.