Den Sündenbock hat Aaron erfunden (Leviticus, 16), "...der werfe den ersten Stein" kommt von Jesus. Heute haben die Steine Guido Westerwelle fast unter sich begraben; womöglich überlebt er die Legislaturperiode als Außenminister nicht mehr. Als Politiker hat er tatsächlich gesündigt. Denn nie findet er das richtige Wort, das der Große Genscher im Schlaf hergebetet hätte. Der schlaueste AA-Chef seit Stresemann hätte zu Libyen im Sicherheitsrat mit dem Westen gestimmt und dann, wie in diesem Gremium üblich, eine Erläuterung hinterhergeschickt: Leider, leider könnten die Deutschen nicht mitfliegen, weil...

Dennoch sollte das Artenschutzabkommen auf Westerwelle ausgedehnt werden. Vorweg, weil man nicht auf einem herumtrampelt, der schon am Boden liegt. Sodann möge man jenseits aller Stilfragen unser aller Onkel Sigmund konsultieren, der gern über "Ersatzhandlung" und "Verschiebung" doziert hat; Letztere bezieht sich auf den Sack, der statt des Esels geprügelt wird.

Denn wer den Tölpel Guido W. schlägt, übersieht gleich dreierlei. Erstens hat er im Sicherheitsrat den Regierungswillen vertreten, mithin auch den der Kanzlerin. Zweitens hat er den Willen des Volkes artikuliert, wie er sich in den Umfragen niedergeschlagen hatte. Laut stern-Umfrage vom 16. März war fast die ganze Bevölkerung – 88 Prozent! – gegen einen deutschen Militäreinsatz; ein Drittel wollte nicht einmal ein Flugverbot. Wer also den vorauseilenden Gehorsam der Regierung beim Atomausstieg schätzt, mag etwas milder über Populismus in der Außenpolitik urteilen.

Nach zwei verlorenen Weltkriegen liebt der deutsche Mensch den Krieg so innig wie das gebrannte Kind das Feuer. Das erklärt, drittens, warum der SPD-Fraktionschef Steinmeier das Votum im Sicherheitsrat für "verständlich und nachvollziehbar" hielt; auch Parteichef Gabriel konnte Westerwelle "verstehen". Selbstverständlich dürfen, ja müssen Politiker ihre Meinung ändern, aber dieses verdammte Internet vergisst nie. Ruprecht Polenz von der CDU, der dem Auswärtigen Ausschuss vorsitzt, fand im März die Enthaltung "richtig"; dem Deutschlandradio hat er gerade anvertraut, die "Enthaltung nicht für richtig gehalten" zu haben.

Nun gut, sagt der Lateiner, tempora mutantur – und wir ändern uns mit den Zeiten. Noch besser: Der Erfolg heiligt das Wagnis. Dennoch schmälert die Fortüne der Nato nicht den Wert der ursprünglichen Einwände, die quer durch das Parteienspektrum gingen. Desgleichen durch die Medien, obwohl Libyen für einen verblüffenden Rollentausch gesorgt hat: rechts plötzlich die Skeptiker, links die Enthusiasten, die traditionell gegen Militäreinsätze gefochten haben.

Die Begeisterung wird aber schwinden, wo die harten strategischen Fakten sich aufbäumen – zum Beispiel in Syrien , wo die Diktatur schon 2.000 Zivilisten auf dem Gewissen hat. Das wäre auch richtig so, weil niemand mehr muss, als er kann, wenn die Schutzverantwortung sich meldet. Valide waren auch Westerwelles Argumente. Er hat aber trotzdem gesündigt, indem er so geredet hat, wie Regierung und Opposition dachten und das Volk fühlte. Das verzeihen wir ihm nicht.