Dann kamen die Bankenpleiten. Die Konjunktur- und Rettungsprogramme ließen die Staatsausgaben steigen und mit ihnen die Schulden. Auf einmal fraßen sich Löcher in das Dach eines Gebäudes im Südwesten von Nürnberg.

Wenn Werner Sittauer seine Schule betritt, muss er aufpassen, nicht über Eimer zu stolpern. Sie stehen hinter der Tür, auf den Gängen, in manchen Zimmern. Sie fangen das Regenwasser auf, das von der Decke tropft. Einmal kam so viel, dass es die Treppen hinunterströmte. Da half kein Eimer mehr. Nur noch die Feuerwehr. Der Einsatz dauerte bis zwei Uhr morgens.

Ich hielte eine massive Erhöhung der Erbschaftsteuer für vernünftig. Ich rede dabei nicht von dem ersparten Haus, sondern von Menschen mit Hunderten Millionen Euro
Jürgen Hunke, ehemaliger Versicherungsunternehmer und Politiker, jetzt Privatier

Sittauer, 57, ist Direktor des Sigmund-Schuckert-Gymnasiums in Nürnberg. Knapp tausend Schülerinnen und Schüler gehen hier den langen Weg zum Abitur. Sie müssen aufpassen, dass ihnen dabei nichts auf den Kopf fällt. Im Raum der Schülersprecher krachte ein langes, schweres Neonlicht aus der durchgeweichten Decke. In einem Klassenzimmer drückte die Zugluft während des Unterrichts ein kaputtes Fenster aus der Verankerung. Das Glas knallte auf den Boden und zersprang, zum Glück hinter der letzten Stuhlreihe.

Werner Sittauer ist keiner, der laut schimpft oder klagt. Muss er auch nicht, die Dinge sprechen für sich. Er läuft durch seine Schule, zeigt Toiletten ohne Türen, Turnhallen ohne Matten und Decken ohne Putz. Dieser Schule fehlt vieles. Oder eigentlich nur eines: Geld.

Das marode Gymnasium zu sanieren ist Aufgabe der Stadt Nürnberg. Der Stadtkämmerer hat öffentlich bestätigt, dass auch er sich eine Schule in Deutschland anders vorstellt. Das Problem ist, dass es in Nürnberg noch mehr Schulen gibt, die dringend saniert werden müssen, außerdem Straßen, Brücken, Sportanlagen. Die Stadt hat aber 1,2 Milliarden Euro Schulden. Wo soll man da anfangen?

Ökonomisch gesehen, ist das Sigmund-Schuckert-Gymnasium ein Wertgegenstand. Es gehört zum Vermögen des Staates, so wie die Einfamilienhäuser und Altbauwohnungen der Republik zum Vermögen der Bürger gehören. Der Unterschied ist: Das Privatvermögen ist, gemessen an der Wirtschaftsleistung, in den vergangenen zwei Jahrzehnten um ein Drittel gestiegen, hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin berechnet. Das Staatsvermögen ist um nicht weniger als neunzig Prozent gesunken.

Deutschland ist ein armes Land geworden.

Es ist nicht so, dass den Wohlhabenden der Republik der Gedanke der Solidarität fremd wäre. Im Gegenteil. Nicht nur die Zahl der Millionäre ist gestiegen, sondern auch die Zahl der gemeinnützigen Stiftungen. Mit deren Geld werden Krankenhäuser unterstützt, Bäume gepflanzt, Künstler gefördert, manchmal auch Schulen repariert. Nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen kommen auf diese Weise jedes Jahr mehrere Milliarden Euro gemeinnützigen Zwecken zugute.

Allein den deutschen Kommunen aber fehlen 126 Milliarden Euro. Mit Spenden lässt sich der Staat nicht finanzieren.

Es gibt auch Reiche, die das ähnlich sehen. Am Ende melden sie sich doch.

Der Rockmusiker Marius Müller-Westernhagen schreibt per E-Mail: "Ein paar Prozentpunkte mehr an Steuern machen Wohlhabende nicht arm." Der ehemalige Versicherungsunternehmer Jürgen Hunke, heute "unabhängiger, selbst bestimmter Privatier", spricht sich für eine höhere Erbschaftsteuer aus. Der Milliardär Michael Otto, Unternehmer und Aufsichtsratsvorsitzender des gleichnamigen Versandhauses, plädiert für einen höheren Spitzensteuersatz. Und Gerhard Sturm, Gründer von ebmpapst, dem weltgrößten Hersteller von Ventilatoren, sagt: "Wenn es Sinn macht, also unsere Gesellschaft weiterbringt, bin ich durchaus bereit, temporär einen höheren Steuersatz zu akzeptieren."

Seltsamerweise haben die Wohlhabenden, mit denen die ZEIT sprach, ein sehr pragmatisches Argument gegen höhere Steuern für Reiche kaum angeführt. Das Argument lautet: Die Reichen sind nicht reich genug, eine Vermögensteuer bringt zu wenig Geld ein, um die Schulden abzubauen.

Das ist richtig und falsch zugleich. Richtig, weil die Schulden der Bundesrepublik so hoch sind, dass eine einzelne Maßnahme nie ausreichen wird, das Land zu sanieren. Falsch, weil eine kleine Abgabe auf große Vermögen zumindest ein erster großer Schritt sein könnte.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung zum Beispiel schlägt vor, künftig eine Abgabe von einem Prozent auf Vermögen über einer Million Euro zu erheben – mit einem hohen Freibetrag für Unternehmen. Nur rund 330.000 Bürger besitzen so viel, dass sie davon betroffen wären. Trotzdem kämen nach Berechnung des DIW etwa 15 Milliarden Euro zusammen, pro Jahr.

Es wäre nicht genug Geld, um wieder zur Politik der siebziger und achtziger Jahre zurückzukehren, als die Regierungen ohne Rücksicht auf die Schulden die Ausgaben erhöhten. Der Staat müsste weiterhin sparen, er müsste streichen und kürzen, wo es möglich ist. Aber er könnte mit dem Geld seine Zinslast mindern. Oder ziemlich viele Schulen sanieren.

Irgendwann während des Gesprächs in seiner Schule hält der Direktor Werner Sittauer einen Moment inne. In den Eimern steht das Wasser, am Boden liegen Putzbröckchen. Sittauer sagt, es sei ihm immer darum gegangen, jungen Menschen etwas beizubringen, mitzuhelfen, dass das Land eine Zukunft habe.