Es ist ein auswegloser Sommer gewesen, ein Sommer ohne Meer. Feuerquallen aus dem Indischen Ozean, Medusen genannt, waren über den Suezkanal ins Mittelmeer gespült worden, und die Menschen von Tel Aviv wagten sich nicht ins Wasser. In den Straßen der Stadt herrschte eine Wut, die sich aus der Hitze der arabischen Aufstände speiste. Großdemonstrationen gegen die Netanjahu-Regierung leiteten so manchen Sabbat ein, und auf dem Mittelstreifen des prächtigen Rothschild Boulevard wuchs ein Gegen-Tel-Aviv, eine Zeltstadt, deren Bewohner sich gegen die herrschende Sozialpolitik, gegen die hohen Lebenshaltungskosten empörten. Manche Menschen siedeln seit Wochen auf diesem Mittelstreifen, sie sitzen nachts im Freien auf alten Ledersofas, als wären sie Darsteller eines Slapstickfilms, denen ein Orkan die Kulissen weggeblasen hat.

Der Rothschild Boulevard, sagt die Theaterregisseurin Yael Ronen, entspreche, so wie er gerade sei, dem israelischen Lebensgefühl. "Wir sind immer darauf vorbereitet, dass am Ende der Theatervorstellung die Welt nicht mehr dieselbe ist. Dass nichts so bleibt, wie es ist. Ihr in Deutschland könnt euch das gar nicht vorstellen."

Im neuen Stück, das Yael Ronen mit ihrem Ensemble geschrieben und geprobt hat, gibt es eine Szene, die es in einem Satz sagt: Wenn du dich entschließt, zum jüdischen Glauben überzutreten, steht dir ein israelischer Pass zu – solange Israel gültig ist.

Das Stück heißt The Day Before The Last Day . Es dreht sich um die Frage, wann und wo der nächste große Menschheitskonflikt eskalieren wird und ob dieser Ausbruch mit religiösem Wahn zu tun haben wird. Als ein möglicher Eskalationsort, im Stück Vulkan genannt, erscheint der Nahe Osten (und Jerusalem als Mittelpunkt des Kraters). Ein schlafender Supervulkan aber, der Unheilsgigant schlechthin, ist bei Yael Ronen: Europa. Hier wird The Day Before The Last Day auch uraufgeführt, am 1. September an der Schaubühne in Berlin .

Berühmt wurde Yael Ronen mit dem Stück Die Dritte Generation , welches davon handelte, wie die Nachgeborenen der Shoah mit dem Umstand leben, Angehörige der Opfer beziehungsweise der Täter zu sein. Ronens Ensemble bestand aus Israelis, Deutschen und Palästinensern, und gespielt wurde in einem fröhlich-rabenschwarzen Kabarettstil. Ronen ließ in die Stille, die sich in der deutschen Öffentlichkeit immer dann auftut, wenn die Begriffe "Jude" oder "Auschwitz" genannt werden, ihre Pointen fallen, was ihr die Deutschen nicht übel nahmen, sondern dankten.

Wenn man Yael Ronen und ihr Ensemble bei den Proben besucht, im Kellerraum der Hebrew Writers Association in Tel Aviv, ist es eher so, als wäre ein Seminar im Gang. Die Stühle stehen im Kreis, ein Kabelgewirr bedeckt den Boden, alle haben ihre Laptops auf den Knien, schicken einander Mails, korrigieren frisch geschriebenen Dialog.

"Dies ist nicht mehr der Staat der Juden. Was ist zionistisch an Nestlé?"

Man probt und schreibt gleichzeitig, und immerzu schwebt ein Finger über der Lösch-Taste. Yael Ronen ist eine Nachrichtensüchtige, und natürlich muss alles Relevante, was in der Welt passiert, sogleich in ihr Stück – sie wird, sagt ihre deutsche Dramaturgin Irina Szodruch, auch am Premierentag noch schreiben, der Stückschluss ergibt sich bei Yael Ronen ohnehin erst kurz vor der Vorstellung. Die Umgangsform im Raum ist sachlich-heiter, ganz "flach" sind die Hierarchien sicher nicht, aber sie sind an diesem Morgen angenehm flach gelegt: Yael Ronen ist die lakonische Chefin, sie muss den anderen ihren Status nicht dauernd demonstrieren.