Hisham Tawfiq, Feuerwehrmann und Muslim aus New York

An manchen Tagen wasche ich mir zwölf-, fünfzehn-, zwanzigmal die Hände. Als klebten daran immer noch Dreck und Ruß. Wochenlang habe ich in Schutt und Asche nach den Überresten der Opfer gegraben. Mal mit schwerem Gerät, mal mit bloßen Händen. Irgendwo dort lagen auch die Knochen meines besten Freundes, des Feuerwehrmannes Shawn Powell. Nach zwei Monaten war ich am Ende meiner Kräfte. Ich versank in einem tiefen, schwarzen Loch. Ein Psychologe musste mich wieder aufrichten.

Ich heiße Hisham Tawfiq und bin Feuerwehrmann. Ein schwarzer, muslimischer Feuerwehrmann. Der einzige muslimische Feuerwehrmann, der am 11.September am Ground Zero dabei war. Darauf bin ich stolz. Als die Flugzeuge ins World Trade Center einschlugen, kümmerte ich mich gerade in der 42. Straße um den Brandschutz bei einer Modenschau. Plötzlich klingelte mein Telefon. Irgendjemand sagte, es habe sich im Süden von Manhattan ein furchtbares Unglück ereignet, wir müssten sofort dorthin. Wir hatten keine Zeit, uns Gedanken darüber zu machen, was wirklich passiert war. Wir mussten anpacken. Es war das totale Chaos und überall Rauch und Staub.

"Feuerwehrkollegen mieden mich"
Hisham Tawfiq, 41, Feuerwehrmann und Muslim aus New York

Vom Terroranschlag erfuhr ich erst später. Und noch viel später, dass arabische Islamisten dahinter steckten. Nein, keine Sekunde habe ich mich als Muslim schlecht gefühlt. Warum auch? Meine Religion hat nichts mit dem Terror gemein. Sie predigt Frieden. Für uns Muslime sind Selbstmordattentäter schlimme Verbrecher. So hat es auch mein Vater gelehrt, der Imam aus Harlem, der bis zu seinem Tod in der 13. Straße eine Moschee betrieb und mit dem ermordeten islamischen Bürgerrechtler Malcolm X befreundet war. 

Meine Kollegen waren damals alle supernett zu mir, keiner hat mich irgendwie schief angeguckt und gesagt: "Hey, Hisham, hör mal, du bist doch Muslim wie die Attentäter ..." Ich war überzeugt, die Zeit der Anfeindungen lag weit hinter mir. Als Schwarzer und als Muslim war ich schon als Kind ein doppelter Außenseiter. Als ich mit der Marine in den ersten Golfkrieg zog, lachten mir meine weißen Kameraden dreist ins Gesicht: "Hey, Hisham, wir bombardieren jetzt deine Leute in Mekka!" Ich hab’s ihnen mit der Faust heimgezahlt. Ich war immer ein guter Kämpfer. Aber das ist lange her. Nach dem 11. September 2001 sind wir Amerikaner alle zusammengerückt.

Doch heute frage ich mich, ob ich mein Land schöngeredet habe. Als im vergangenen Jahr Tausende von Menschen hasserfüllt gegen den Bau einer Moschee um die Ecke von Ground Zero protestierten, ging ich zum ersten Mal an die Öffentlichkeit. Mit anderen Muslimen warb ich auf YouTube für die Moschee als Zeichen der Versöhnung. Feuerwehrkollegen mieden mich auf einmal und warfen mir vor, Amerika in den Rücken zu fallen. "Zieh doch nach Mekka!", sagten sie. Mein Gartenzaun wurde mutwillig zerstört. Zum zweiten Mal fiel ich in ein tiefes, dunkles Loch.

Aufgezeichnet von Martin Klingst