Ich wohne in Brooklyn, direkt gegenüber Manhattans auf der anderen Seite des East River. Ich schaue aus dem Fenster, der Himmel hat sich plötzlich verdunkelt. Ich muss meinen Sohn aus dem Kindergarten holen. Als ich aus dem Haus trete, sehe ich alle Leute rennen. Und alle bedeckt eine seltsame weiße Asche, so als wäre ein Vulkan explodiert. Es sind die Trümmer des World Trade Center und der Flugzeuge, die über den Fluss segeln. Während ich renne, landen auf meiner Kleidung Überreste von Akten und Gepäck.

Später gehe ich die Promenade entlang, sie bietet einen herrlichen Ausblick auf die Skyline von Lower Manhattan. Die Menschen drängen sich, doch es herrscht eine merkwürdige Stille. Der Anblick der so abrupt veränderten Skyline hypnotisiert uns. An die Stelle ihrer beiden herausragenden Elemente ist eine riesige schwarze Rauchsäule getreten. Ein einsamer Vogel kämpft mit aller Kraft darum, der dichten Wolke zu entkommen. Alle paar Minuten machen neue Gerüchte die Runde: Flugzeuge seien im Pentagon, in Camp David, auf einem Flughafen in Pennsylvania eingeschlagen, Autobomben explodiert. Dann werden einige dieser Berichte offiziell dementiert, nur um von weiteren Gerüchten gefolgt zu werden. Über unseren Köpfen hören wir das bedrohliche Brummen von Militärflugzeugen.

Auf meinem Weg zur Promenade durchquere ich das arabische Viertel in der Atlantic Avenue. Ich sehe eine verschleierte Frau, die ihre fünf Enkel von der Schule abgeholt hat, und ein Mann mit europäischem Akzent deutet auf Manhattan und sagt zu ihr: "Sehr gut! Sehr gut!" Die Großmutter sagt nichts, und die Kinder sind plötzlich verstummt. Als ich weitergehe, an den arabischen Geschäften und Cafés vorbei, frappiert mich die Tatsache, dass ich hier nirgendwo einen Polizisten oder einen Randalierer sehe. Die Nationalgarde ist noch nicht zusammengezogen worden, um die arabischen Amerikaner vor Rachsüchtigen zu schützen, obwohl die Fernsehsender schon verkündet haben, wer der Schuldige ist. Mir wird klar, dass die New Yorker eine gewisse seelische Gesundheit besitzen, von der der Rest der Welt nur lernen kann. In dieser Stadt hat man Erfahrung darin, das Andersartige nicht nur zu tolerieren, sondern zu zelebrieren.

Straßen und Bars haben sich in ein riesiges Diskussionsforum verwandelt; U-Bahn und Brücken sind geschlossen, wir sitzen alle fest und stürzen uns in Gespräche mit Wildfremden, wo New Yorker normalerweise doch jeden Blickkontakt mit Unbekannten vermeiden. Ich gehe in eine Bar, um fernzusehen. Der afghanische Außenminister verteidigt in einer Rede Osama bin Laden und wird lautstark aufgefordert, den Mund zu halten. Dann erscheint George Bush. Er bemüht sich nach Leibeskräften, wie Churchill aufzutreten, wirkt jedoch genauso verängstigt und verwirrt wie wir alle.

Da, wo heute Bagdad liegt, stand das höchste Gebäude der Alten Welt, der Turm zu Babel. Das Unternehmen war so hochfliegend, dass Gott die Sprache der Erbauer verwirrte und keiner mehr den anderen verstand. Jahrtausende später flogen ein paar Leute in zwei ebenso gewaltige Türme in einer ebenfalls prächtigen Stadt, auch sie unter Berufung auf Gott. Dieses Mal jedoch zerstreuten die Einwohner der Stadt sich nicht, denn sie sprachen schon lange in einem ungeheuren Stimmengewirr. Sie fanden sich wieder zusammen, um einen neuen Turm zu bauen. Das ist der Vorteil der Vielfalt: Wenn man schon lange daran gewöhnt ist, mit anderen Kulturen zusammenzuarbeiten, ist man den Launen eines eifersüchtigen Gottes und seinen raffinierten Machenschaften nicht so hilflos ausgesetzt.

Welche andere Stadt auf der Erde könnte den vernichtenden Angriff einer dämonisierten Minderheit überleben, und zwar nicht nur in ihren Institutionen und ihrem Geschäftsleben, sondern auch in ihrer Würde, ihrem Bürgersinn? In den Tagen und Wochen nach dem 11. September trugen Menschen auf der ganzen Welt Plakate und T-Shirts mit dem Aufdruck: "Wir sind alle New Yorker". Es gab eine ungeheure Welle von Mitgefühl für die ganz normalen Bürger, die in den Türmen gestorben waren, und Wut auf die Terroristen, die Unschuldige ermordet hatten.

Dann geschah etwas Merkwürdiges. Amerika verfolgte nicht die Terroristen, sondern Saddam Hussein. Bush und Cheney fabrizierten die geforderten Beweise, das Phantom der Massenvernichtungswaffen, und brachten die Hölle über den Irak, der nichts mit dem 11. September zu tun hatte. Sofort nach Bushs Kriegserklärung ging eine Million New Yorker auf die Straße, um gegen die Invasion im Irak zu protestieren. New York ist anders.