Die Wahlkampfzentrale der Grünen in der Berliner Kommandantenstraße. Hier sieht Berlin noch wie wenige Jahre nach dem Fall der Mauer aus: Brachflächen. Vor vier Monaten waren die "99 Fragen an Klaus Wowereit" erschienen – daraufhin hatte sich ihr Wahlkampfmanager beim ZEITmagazin gemeldet: Wir sollten nun bitte Renate Künast, die Herausforderin des Regierenden Bürgermeisters, interviewen. In Ordnung.

Am Sonntag nächster Woche wählt Berlin ein neues Abgeordnetenhaus. Mit 30 Prozent der Stimmen hatte Künast erst sensationell vorn gelegen – mittlerweile ist es unter Hauptstadtjournalisten schick, sie eine Verliererin zu nennen . Sie steht bei 22 Prozent, laut neuesten Umfragen wäre Wowereit im Amt bestätigt. Den Wahlkampf, sagt Künast, möchte sie mit Politik gewinnen, nicht mit Gefühlen. Ihre Verteidigungslinie lautet "Ich stehe für Inhalt, er ist Show" (ein fragwürdiges Politikverständnis hat sie da zwanzig Jahre nach Bill Clinton und zehn Jahre nach Gerhard Schröder). Sie ist in der dummen Lage, dass sie wirklich jede Frage, auch die hinterletzte, beantworten muss: Wahlkampfendspurt.

In ihrem Büro, das enger und spartanischer nicht sein könnte (Ikea-Tischchen, Billig-Ledersessel, Raufasertapete), hängt ein Porträtfoto des Grünen-Mitbegründers Joseph Beuys. Sie, Grüne, die den Businessanzug der Frau von heute trägt (schwarze Hose, Absätze, hellblaues Hemd), nennt Beuys eine "starke Figur". Mit Blick aus dem Fenster spricht die Herausforderin: "Wir sind eine Metropole." Dann erklärt Renate Künast, dass das Gelb im Gestrüpp auf den wildwuchernden Brachen "Gelber Heinrich" heißt. Wir sitzen Knie an Knie, ziemlich eng aufeinander. Vor ihr zieht ein Tee. Es könnte ein brutal langweiliges Gespräch werden, da in Politikgesprächen, zumal im Wahlkampf, kaum Platz für große Sprünge, für Wahrheiten und Widersprüche ist.

1. Hat man Ihnen erklärt, dass Sie nicht so viel reden, sondern immer nur ganz kurz antworten sollen?

Ich bin instruiert. Ich kann auch Ein-Wort-Sätze sagen.

2. Gibt’s jetzt Ihren berühmten grünen japanischen Halbschattentee?

Genau. Das ist der gute Beuteltee von Keiko.

3. Wie lautet die Losung für den Wahlkampfendspurt in den nächsten Tagen?

Mein persönliches Motto lautet: Durchziehen, ohne Alkohol.

4. Am heutigen Wahlkampftag, sind Sie eher sauer oder schon stinksauer?

Wahlkampf geht nicht, wenn man sauer ist. Man muss schon sagen: Das sind jetzt die Wochen, da gibt man alles. Und dann muss man sich da reinfallen lassen.

Die Grüne Renate Künast hat einen, mit Verlaub, guten Kopf: die hohe Stirn, ihre hellen Augen. Das bisschen Pampige, Angriffslustige in ihrem Gesicht macht sich auch gut. In der aus dem Fernsehen bekannten Künast-Kurzhaarfrisur fehlen, hoppla, die blonden Strähnchen (darüber wird noch zu reden sein). Wie sieht sie denn nun genau aus? Man könnte sagen: In einer Runde deutscher Männer, die Pilsbiere in der Hand halten, Fußball gucken oder über Politik diskutieren, würde diese Renate Künast nicht weiter auffallen. Sie hält den Tee. Sie soll sich nun zu den Daten ihrer Existenz äußern.

5. Wie viel Kilogramm wiegen Sie?

Knapp über sechzig.

6. Ihre Größe in Zentimetern?

164.

7. Wie fühlt sich Heimweh nach Recklinghausen an?

Habe ich nicht.

8. Wo waren Sie am 2. Juni 1967?

Auf der Realschule Recklinghausen. Ich habe gestaunt, was da auf dem Fernsehbildschirm passiert. Die Auseinandersetzung um den Schah hat man schon als Kind mitbekommen: den Aufbruch in der Gesellschaft, wo jeder plötzlich alles sagen kann.

9. Wo waren Sie am 9. November 1989?

Im Rathaus Schöneberg. Als Berliner Abgeordnete. Ich habe um 19 Uhr den Fernseher eingeschaltet, in der Senatskanzlei hieß es, man werde am Abend noch eine Sondersitzung haben. Um etwa 22 Uhr fand ich mich auf der Bornholmer Brücke ein, das war der Grenzübergang, der die Stadtteile Prenzlauer Berg und Wedding voneinander trennte. In der Nacht war die Brücke der erste Übergang, der für Ost-Berliner geöffnet wurde.

10. Wo waren Sie, als Martin Kippenberger in der Kreuzberger Punk-Kneipe SO36 Bier ausschenkte?

Da war ich sicher auch mal. Aber ich war nicht das typische SO-36-Kind. Als Sozialarbeiterin, die im Knast in Tegel arbeitete, gehörte ich einer anderen Szene an. Wir waren die politisch Bewegten. Meine Frage war: Wie kriegt man hier, jetzt, in dieser harten Wirklichkeit, Visionen und Reformen zueinander?