Es ist eine jener Fragen, welche die Chronisten seit Urzeiten vergeblich zu ergründen trachten: Was treiben eigentlich Diplomaten den lieben Tag lang? Dank WikiLeaks, dem Enthüllungssimsalabim des Internets, konnte nun auch dieses Rätsel gelöst werden. So sie nicht gerade damit beschäftigt sind, eine der zahllosen Krisen, die an allen Ecken und Enden knistern, zu besänftigen, komponieren sie aus wohlgewählten Wörtern ihre Depeschen in die Heimat.

Unter anderem über österreichische Politiker. Beispielsweise wussten amerikanische Botschaftskreise zu berichten, dass Michael Spindelegger gar kein richtiger Außenminister sei. Vielmehr handle es sich um einen Mann, der immer wieder gerne einen kühnen Schritt "laut ankündigt", doch nur selten würden seinen Worten "Taten folgen". Auch der Bundeskanzler findet wenig Anklang bei den Depeschenschreibern, da seine englischen Sprachkenntnisse höchst bescheiden seien und ihn Dinge, die sich außerhalb der Landesgrenzen zutragen, kaum interessierten. Ach so?

Man könnte jetzt einwenden, dass eigentlich keine eigene diplomatische Vertretung der USA nötig wäre, um derart weltbewegende Erkenntnisse der Kurierpost anvertrauen zu können. Doch erst durch diese Enthüllungen wird offenbar, wie hart das Los des Diplomatenstandes tatsächlich ist. Fern der eigenen vier Wände hausen sie zumeist in einem lausigen Palais, in dem man rasch die Orientierung verliert. Tagaus, tagein müssen sie von einem öden Gourmet-Dinner zum nächsten pendeln. Dramatisch unterbezahlt, sind sie gezwungen, ihre Heimat zu repräsentieren, wo sie sich doch viel lieber unter das ortsansässige Volk mischen und sich an dessen Lustbarkeiten ergötzen würden. Doch nichts da. Stress und Überbeschäftigung erlauben es ihnen nicht einmal, sich mit den Grundbegriffen der jeweiligen Landessprache vertraut zu machen. Bescheiden und weltoffen schlürfen sie stattdessen auf Empfängen sattsam vertrauten Jahrgangschampagner und vereinsamen dabei. Was also liegt näher, als in dieser Notsituation inhaltsleere Depeschen in die Heimat zu senden. Man muss daher in der nun aufgetauchten Diplomatenpost den Hilferuf eines diskriminierten Standes lesen.