Wolfgang Schüssel wurde im Februar 2000 österreichischer Bundeskanzler. Seine Koalition mit der FPÖ brach gleich mehrere Tabus. Er war nicht Chef der stärksten Partei, sondern wurde bei den Wahlen Dritter. Für diesen Fall hatte er den Gang in die Opposition versprochen. Mehrere Monate hielt er sich daran; dann prügelte ihn die öffentliche Meinung in Regierungsverhandlungen mit der SPÖ. Die FPÖ schnellte in der Meinungsforschung an die erste Stelle. Als die Verhandlungen mit der SPÖ nach drei Monaten scheiterten, brach Schüssel ein weiteres Tabu: Er einigte sich in zehn Tagen mit der FPÖ auf eine Regierung unter seiner Führung. Diese war bereit, mit wenigen Veränderungen, das zwischen SPÖ und ÖVP vereinbarte, aber dann im Parteivorstand der Sozialdemokraten gescheiterte Programm durchzuführen. Die sakrosankten Sozialpartner verweigerten ihren Segen, damit war der dritte Tabubruch komplett.

Österreich war 1999 ein Sanierungsfall: In der Schuldenliste der Euro-Länder stand das Land an vorletzter Stelle, hinter Griechenland, vor Portugal. Die Steuerquote betrug fast 45 Prozent, das Land ächzte unter den Schulden, die Menschen unter den hohen Steuern. Der Sanierungsbedarf war riesig. Die "Große" Koalition war mit ihrer Gestaltungskraft am Ende. Alles schrie nach Reform.

Wolfgang Schüssel, unterstützt von Susanne Riess-Passer als FPÖ-Spitzenfrau, packte an: Unangefochten vom internationalen Scherbengericht, jagte eine Reform die nächste. Mit einer knappen Mehrheit im Parlament wurde das Land saniert.

Wie sah die Bilanz der Ära Schüssel nach sieben Jahren Kanzlerschaft aus?

Um gleich mit einem Misserfolg zu beginnen: Die Bundesbahn wurde zwar mehrmals kostspielig umorganisiert, doch nichts wurde besser. Dafür wurden die Krankenkassen zu gesunden Kassen. Sie sind seit mehreren Jahren im Plus, bis zum Jahr 2014 sind sie schuldenfrei.

Die Neuordnung der in der ÖIAG verstaatlichten Industrie war ein nachhaltiger Erfolg. Voest und Böhler-Uddeholm, die Erdölindustrie in der OMV, Post, Telefon: Sie waren im Jahre 2000 mit fast 130 Milliarden Schilling verschuldet. Schüssel privatisierte zum Teil, zum Teil behielt der Staat Anteile. Er entpolitisierte die Vorstände, ebenso die Aufsichtsräte. Heute sind die Schulden zur Gänze getilgt, die Anteile, die dem Staat verblieben, sind heute so viel wert wie die staatlichen Betriebe vor ihrer Privatisierung insgesamt, und statt Schuldzinsen zu leisten, erhält der Staat stattliche Dividenden.

Das Beamtendienstrecht konnte Schüssel zwar nicht ändern, aber er bewältigte eine Verwaltungsreform, die in sieben Jahren 20 Milliarden Euro erbrachte. Die Steuerquote sank von 44,8 auf 41,7 Prozent. Das Budget wurde in Ordnung gebracht, einmal gelang ein Nulldefizit. Österreich rückte in der Schuldenliste auf den achten Platz. Es war die Zeit, in der Österreich der rot-grünen Koalition in Deutschland als Modell vorgehalten wurde.