Hoch über Zermatt im Kanton Wallis thront der Felskegel des Matterhorns. Vergangene Woche, bei prächtigem Bergwetter, hatte der Naturfreund Wolfgang Schüssel noch die Lacher auf seiner Seite. Er war angereist, um auf einer Tagung von Avenir Suisse, einer Denkfabrik der Schweizer Großindustrie, über das Verhältnis der deutschsprachigen Nachbarländer zu referieren. Ob Österreich seinerzeit "nicht gescheiter" der Eidgenossenschaft beigetreten wäre statt der EU, wurde der ehemalige Regierungschef im Anschluss an seinen Vortrag gefragt. "Ihr tät’s schön schauen", alberte Schüssel: "Wir hätten die Schweiz verösterreichert!"

Von der bitteren Ironie, die in dieser Pointe steckt, ahnte die heitere Runde nur wenig. Daheim in Wien hatte den Kanzler außer Dienst die Vergangenheit eingeholt. Seit Wochen bestimmten immer neue Enthüllungen über die Schmiergeldskandale, die in seiner Regierungszeit ihren Ursprung hatten, die Schlagzeilen. Vier seiner früheren Minister waren ins Zwielicht geraten.

Vergeblich versuchte die Führungsriege der Volkspartei, auf Distanz zu gehen. Alle Dementis halfen nichts: Die Regierungspartei versank mit im Sumpf von Korruption und Günstlingswirtschaft. Niemand wollte den Beteuerungen Glauben schenken, Schüssel habe damals nichts mitbekommen von dem Selbstbedienungsladen, der unter seinen Fittichen eröffnet worden war. Ausgerechnet er, der schlaue Fuchs, der Machtmechaniker, der in jedem Verhandlungspoker die coolsten Bluffs zu landen wusste, sollte von einem Haufen gieriger Parvenus auf Ministerposten getäuscht worden sein. Weiße Weste hin oder her, die einst gefeierte Reformagenda der Wendejahre stand plötzlich in dem Ruf, einzig und allein der Vorwand für einen schamlosen Beutezug gewesen zu sein.

Kaum war Schüssel aus der Schweiz zurückgekehrt, da schwoll das Trommelfeuer der Medien über das Wochenende noch einmal kräftig an. "Kaputt wie die Atomindustrie nach dem Fukushima-Desaster", wummerte etwa die schwere Artillerie der Boulevardgazetten, sei nun das Vermächtnis der konservativen Heldenzeit. Mit dem schweigsamen Abgeordneten Wolfgang Schüssel in den Reihen ihrer Parlamentsfraktion gehe die Volkspartei trüben Zeiten entgegen. Die Jagdgesellschaft, so heißen die Schüssel-Widersacher im internen Code, ließ sich nicht beschwichtigen. Überraschend entschloss sich daraufhin Schüssel am Montag, jenen Schritt zu setzen, um den ihn der glücklose ÖVP-Obmann Michael Spindelegger schon vor geraumer Zeit ersucht hatte. Er werde, kündigte der Mandatar aus Hietzing an, nach 43 Jahren in der Politik aus allen verbliebenen Funktionen scheiden. Ende einer Ära. Zeit, politische Nachrufe zu verfassen.