Pünktlich zum Weltalphabetisierungstag am 8. September haben sie ihren Auftritt: Der Indiojunge aus Bolivien, der seinen Eltern auf dem Feld helfen muss und deshalb nicht zur Schule darf. Das Mädchen im Senegal, das mit hundert anderen in einem Bretterverschlag vor einem Lehrer sitzt. Beim Thema Analphabetismus sind die Deutschen, so die Botschaft, vor allem als Spender gefragt – für die Dritte Welt.

Doch seit Kurzem steht fest: Die Dritte Welt liegt auch in Duisburg, Wismar oder Stuttgart. Im Februar veröffentlichten Hamburger Wissenschaftler die Leo-Studie , die erste Untersuchung zur Lesefähigkeit der Bundesbürger. Siebeneinhalb Millionen funktionale Analphabeten gibt es demnach hierzulande. Sie können nur mit Mühe kurze Sätze lesen und schreiben; rund zwei Millionen von ihnen vermögen nicht einmal das. Migranten, die kein oder kaum Deutsch verstehen, wurden von den Forschern nicht erfasst.

Wer seitdem von der Bildungsrepublik redet, macht sich lächerlich. Siebeneinhalb Millionen, das sind mehr Menschen, als in Deutschland im Verein Fußball spielen. Eigentlich hätte diese enorme Zahl zu Regierungserklärungen und empörten Leitartikeln führen müssen, wie vor zehn Jahren die Pisa-Ergebnisse . Doch der Befund ging unter im Strom der Katastrophenmeldungen dieses Jahres. Dass 14 Prozent der Deutschen unter dem kulturellen Existenzminimum leben, schien niemanden aufzuregen.

Nun droht selbst das Minimalprogramm der Kultusminister gegen den Analphabetismus zu scheitern: an der Knauserigkeit der Regierungen und den Selbstblockaden des deutschen Föderalismus. Denn in den Entwürfen zum "Nationalen Grundbildungspakt" finden sich bislang zwar viele schwammige Formulierungen ("Transparenz", "Sensibilisierung", "Vernetzung"), aber keine konkreten Zahlen. Nur das Bundesbildungsministerium will weitere Forschungen zum Analphabetismus finanzieren . Die eigentlich Zuständigen dagegen, die Länder und Kommunen, beschränken sich auf Willensbekundungen. Dabei erwartet niemand große Summen. Annette Schavan hat 20 Millionen Euro für ihren Part versprochen. Doch selbst diesen Betrag scheinen die Kultusminister vonseiten der Länder nicht aufbringen zu können.

Das Desinteresse an der lobbylosen Gruppe der Analphabeten hat Tradition. Als der Pisa-Test 2001 zutage förderte, dass fast ein Viertel der 15-Jährigen nur auf dem Niveau von Grundschülern lesen und rechnen konnte, überzogen die Kultusminister die Schulen mit einer Batterie von Reformen. Kitas wurden zu Bildungseinrichtungen erklärt. Doch niemand machte sich Gedanken darüber, wie es den Generationen von Risikoschülern ergeht, die die Schulen bereits verlassen haben. Glaubte irgendjemand ernsthaft, dass sie das Nichtgelernte später in Eigenregie nachholen würden?

Der Bund könnte die Apathie beenden, wenn er es denn dürfte. Das Schavan-Ministerium weiß angesichts permanenter Haushaltssteigerungen kaum noch wohin mit dem Geld. Doch (Grund-)Bildung fällt in die Kompetenz der Länder, deren Budgets nahezu erschöpft sind. Das führt unter anderem dazu, dass heute mehr Migranten die deutsche Sprache lesen und schreiben lernen als Einheimische. Der Grund: Die Integrationskurse für Zuwanderer finanziert der Bund, die Alphabetisierungskurse an den Volkshochschulen (VHS) das jeweilige Land. Die Zahl der VHS-Lehrgänge einfach zu erhöhen löst das Problem jedoch nicht. Erst einmal muss man die Leseschwachen dazu bringen, ihre Scham zu überwinden und mit dem Lernen noch einmal neu zu beginnen.

Den Unternehmen in Deutschland kommt dabei eine wichtige Rolle zu. Denn anders als vermutet, verfügt mehr als die Hälfte aller funktionalen Analphabeten trotz ihres Handicaps über einen Job, und zwar in ganz bestimmten Branchen, wie bislang unveröffentlichte Leo-Zahlen zeigen. So kann jeder vierte Koch, Maler oder Lkw-Fahrer in Deutschland nur rudimentär lesen und schreiben. Unter den Hilfsarbeitern auf dem Bau ist es sogar im Schnitt jeder zweite. Indem man diese Branchen mit klugen Anreizen für eine Weiterbildungsoffensive gewinnt, erreicht man die größte Wirkung.

Und noch etwas zeigen die neuen Zahlen: Analphabetismus ist männlich geprägt, mehr als 60 Prozent der Betroffenen sind Männer. Diese Schieflage zeigte sich übrigens nicht nur bei den funktionalen Analphabeten, sondern bei allen in der Studie Getesteten. Bei gleichem Schulabschluss, Einkommen und Elternhaus schneiden Frauen auf der Lese-Skala der Leo-Forscher bedeutend besser ab als Männer. "Die Differenz", erklärt die Hamburger Wissenschaftlerin Anke Grotlüschen, "ist vergleichbar mit dem Kompetenzabstand zwischen Personen mit mittlerer Reife und Personen mit Abitur."