Normalerweise würde man diese Thesen von einem Politiker erwarten, möglicherweise auch von einer Regierung. Doch wenn ausgerechnet der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) in dieser Woche laut mahnt, dass das "politische Europa" ein Fernziel sein müsse, auf dass es "bereits heute hinzuarbeiten" gelte, und wenn er dann auch noch "neue vertragliche Grundlagen" für Europa und ein Ende des "Kurierens an den Symptomen" fordert, dann klingt das eher nach einer Ohrfeige für die Politik – und nach was für einer.

Tatsächlich sorgt sich der BDI um die Europapolitik und um den Euro. "Zu Beginn der zweiten Jahreshälfte 2011 droht eine erneute Zuspitzung der Finanz- und Wirtschaftskrise ", so der Verband. Und deswegen fordert er nun in einem Thesenpapier (das der ZEIT vorliegt) von den EU-Regierungen genau das, was diese seit Monaten nicht liefern wollen oder können: den Masterplan für ein politisches Ende der Krise.

Damit die Turbulenzen an den Finanzmärkten endlich dauerhaft beendet werden, brauchten Europas Regierungen ein "klares, langfristiges Ziel", schreibt der BDI. Und er weiß auch, wie das aussehen könnte: Statt immer "neue Reparaturmaßnahmen" vorzunehmen, sollten sie sich endlich "zu einem deutlichen Sprung vorwärts aufraffen", die "institutionelle Architektur der Euro-Zone substanziell weiterentwickeln" und ein europäisches "Gesamtpaket" schnüren. Nur dann könnten auch die vielen nötigen Einzelmaßnahmen von den Bürgern besser verstanden werden, so der Industrieverband.

Im Klartext: Der BDI erteilt mit seinem Papier nicht nur Forderungen nach weniger Europa eine klare Abfuhr. Er wünscht sich stattdessen mehr Europa , mehr politische und ökonomische Integration und das auch noch klar politisch geplant und angekündigt.

Der Verband belässt es allerdings nicht bei wolkigen Wünschen. Er schlägt der Politik in zwölf Thesen ganz konkrete Schritte vor, wie sich ein stabiles Europa sinnvoll verwirklichen ließe. Die erste, wohl entscheidende Maßnahme: Die Regierungen müssen neue Vertragsverhandlungen beginnen. "Auf Basis der bestehenden Verträge ist eine nachhaltige Stabilisierung des Euroraumes nicht zu erwarten. Der Euro braucht eine neue vertragliche Grundlage", so der BDI. Dieser neue Vertrag soll dann unter anderem einen Europäischen Fiskalfonds (EFF) schaffen, letztlich also eine Art Europäischen Währungsfonds.

Die bisherigen Euro-Rettungsfonds, über die der Bundestag Ende des Monats entscheiden wird, hält der BDI nicht für ausreichend. Sie müssten weiterentwickelt und ergänzt werden. So soll zwar auch der künftige Fonds Kredite an notleidende Länder vergeben und Anleihen auflegen können. Aber er müsse die Unterstützung von Krisenländern zeitlich sehr streng begrenzen. Zusätzlich sollten durch eine Insolvenzordnung klare Regeln für die Umschuldung eines Krisenlandes installiert werden. Und, ganz entscheidend, der EFF sollte politischem Einfluss weitgehend entzogen werden.

Der BDI sieht in seiner "neuen Architektur" nicht nur eine mögliche Lösung für die Euro-Krise. Er will damit auch einen "substanziellen Beitrag zur weiteren politischen Integration" anbieten. Dafür sei heute der Zeitpunkt, heute müsse man die "politische Union" zumindest erneut "ansteuern". Dabei malt sich der BDI den Weg in die enger verzahnte EU-Welt nicht schön: Er rechnet durchaus mit "beträchtlichen" Kosten im Zuge der weiteren Integration. Die aber seien auf lange Sicht "rentierliche Investitionen". Schließlich ginge es bei all dem Streit immer auch um Europas Stellung in der Welt. Dort könne kein gespaltenes Europa und kein einzelnes Land – auch Deutschland nicht – seinen Einfluss künftig behaupten.