Die Welt ist voller Gesprächskreise – abgehobener wie die der Bilderberg-Konferenz oder die der Trilateral Commission, bodenständiger wie die der kirchlichen Akademien, biederer wie die der Volkshochschulen. Der Bergedorfer Gesprächskreis der Körber-Stiftung unterscheidet sich von ihnen allen: Seit einem halben Jahrhundert ist er – national wie international – ein Bindeglied zwischen Obrigkeiten und Öffentlichkeiten. Er tagt – jeweils zwei bis drei Dutzend Politiker, Wirtschaftler, Medienleute, Wissenschaftler versammelnd – hinter verschlossenen Türen, veröffentlicht aber die Gesprächsprotokolle. So wirkt er schon fünfzig Jahre lang zugleich auf die Politik wie auf die öffentliche Meinung.

Als Kurt A. Körber, der große Hamburger Stifter, Anstifter und Mäzen, den Gesprächskreis 1961 aus der Taufe hob, ging es ihm vor allem um Fragen der industriellen Gesellschaft – das Preis-Lohn-Problem, Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand, Automatisierung als gesellschaftliche Herausforderung, die Herrschaft der Technokraten oder – damals schon! – die Fragwürdigkeiten der Bildungspolitik. Aber dann öffnete sich der Themenfächer des Gesprächskreises; immer stärker schob sich die Außen- und Sicherheitspolitik in den Vordergrund. Im März 1968 wurde im Bergedorfer Schloss über das Thema "Fördern die Bündnissysteme die Sicherheit Europas?" diskutiert. Es war das erste Ost-West-Gespräch überhaupt. Die konträren Standpunkte prallten dabei hart aufeinander. Das war auch später oft der Fall. Zwar setzte sich Kurt Körber stets unverdrossen für Kontakt und Dialog ein, gerade in schwierigen Phasen wie nach dem Einmarsch der Roten Armee in Prag 1968 oder nach ihrem Eingreifen 1980 in Afghanistan. Instrumentalisieren ließ er sich jedoch nie.

In den zwanzig Jahren von 1969 bis 1989 war der Ost-West-Austausch das große Thema des Bergedorfer Gesprächskreises. Es waren dies die Jahre der neuen Ostpolitik – des Bemühens um Entspannung und Verständnis, wo nicht Verständigung. Der Gesprächskreis entwickelte sich rasch zu einer wichtigen Kontaktbörse. Von Willy Brandt über Helmut Schmidt bis Helmut Kohl nutzten sie alle Bundeskanzler. Prominente aus West- und Osteuropa, darunter auch politische Akteure, Diplomaten und Parteienvertreter, spannen dort Gesprächsfäden außerhalb der amtlichen Beziehungen, testeten Meinungen, sondierten und "ernteten" Ideen (so der frühere Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Wolfgang Ischinger). Beim zweiten Ost-West-Gespräch, das im Juni 1970 in Leningrad stattfand, ging es pauschal um europäische Sicherheit und Möglichkeiten der Zusammenarbeit, konkret jedoch – zwei Monate vor Unterzeichnung des damals in Moskau wie in Bonn noch viel umstrittenen Moskauer Vertrages – darum, wie ernst es den Partnern mit diesem Abkommen war. Misstrauisch schlichen die beiden Delegationen umeinander herum. Doch von Treffen zu Treffen – sieben in den nächsten 17 Jahren – nahm das Misstrauen ab. Auch wo die Standpunkte weit auseinanderlagen, hörte man sich gegenseitig aufmerksam zu. Nicht nur in Bonn und Moskau nahmen die Außenministerien die Gedanken ernst, die um den Tisch herum geäußert wurden; die Parteiapparate analysierten sie; auch die Regierungschefs ließen sich eingehend informieren.

Es wäre vermessen, zu behaupten, dass damals im Bergedorfer Gesprächskreis große Politik gemacht worden wäre. Doch war das Gremium ein wichtiges Austauschforum in einer Zeit, in der es nur wenige Instrumente gab, um schwierige Ost-West-Themen zu diskutieren und offen heikle Fragen zu stellen. Die Treffen funktionierten in Krisenzeiten oft als eine Art Frühwarnsystem; sie wurden zu einem Früherkennungssystem, als sich in der Sowjetunion die Kräfte des Wandels zu rühren begannen. Der Einfluss des Gesprächskreises mag nicht unmittelbar messbar sein, aber zweifellos hat der auf Ausgleich und Verständigung zielende Geist seines Gründers jenen Geist von Glasnost und Perestrojka befruchtet, dem letztlich das Ende des Kalten Krieges, die Überwindung der europäischen Teilung und die deutsche Wiedervereinigung zu verdanken sind.