ZEIT: Herr Schmitz, das große Rad auf den Kapitalmärkten wird in London und New York gedreht. Hat es da noch eine Bedeutung, was wir am Finanzplatz Deutschland machen?

Andreas Schmitz: Aber sicher. Die deutsche Wirtschaft gehört derzeit zu den stärksten in der Welt. Daraus leitet sich schon ein Großteil seiner Bedeutung ab. Frankfurt ist ein Finanzplatz, der trotz Krisen in den vergangenen Jahren doch viel konservativer und damit beständiger und letztlich auch stabiler war als andere Finanzplätze.

ZEIT: Inwiefern?

Schmitz: Mein Haus in Düsseldorf kostet das Gleiche wie vor 15 Jahren. Mailand oder Madrid haben große Preissteigerungen und damit so etwas wie eine Blasenbildung erlebt. Das hat auch mit der Immobilienfinanzierung zu tun. Dort konnte man bis zu 100 Prozent aus Kredit finanzieren und brauchte nicht – wie in Deutschland üblich – 20 oder sogar 40 Prozent eigenes Geld. Zugleich ist nirgends in Europa ein Konto für Verbraucher so günstig wie in Deutschland. Ein Girokonto kostet fast nichts und ist binnen Stunden eröffnet. In London geht das nicht.

ZEIT: Aber dort laufen die ganz großen Finanzgeschäfte.

Schmitz: Das hat auch damit zu tun, dass die deutsche Wirtschaft vornehmlich kreditfinanziert ist. Die Finanzierung über die Kapitalmärkte – Aktien oder Anleihen – ist bei uns deutlich weniger ausgeprägt. Das ist die Achillesferse unserer Wirtschaft.

ZEIT: Ist es nicht ein Vorteil, weniger von den Märkten abhängig zu sein?

Schmitz: Der Mix muss stimmen. Viele Unternehmer scheuen den Gang an die Börse , weil sie lieber die alleinige Kontrolle über ihr Unternehmen behalten wollten, statt Macht an Aktionäre abzutreten. Irgendwann ist eine Grenze erreicht. Beispiel: In der Krise wurde die Kapitaldecke einiger Automobilzulieferer ziemlich dünn.

ZEIT: Sind die deutschen Institute überhaupt in der Lage, die hiesigen Unternehmen angemessen zu betreuen?

Schmitz: Gerade in der Krise haben wir den Unternehmen die Stange gehalten. Obwohl befürchtet, gab es nicht mal den Ansatz einer Kreditklemme . Derzeit haben wir eine gute Versorgung in der Fläche und gute Spezialkreditinstitute. Aber bei den Banken , die den gehobenen Mittelstand und die Großindustrie betreuen können, haben wir, verglichen mit anderen Ländern, Nachholbedarf. Wir könnten noch ein paar große Banken gebrauchen. Da sind wir nicht optimal aufgestellt. Der deutsche Bankenmarkt ist immer noch zersplittert.

ZEIT: Birgt das Gefahren?

Schmitz: Ja und nein: Frankfurt ist wichtig für Kontinentaleuropa und beheimatet mit der Europäischen Zentralbank und der Deutschen Börse wichtige Institutionen. Nur: Die Frage ist nicht mehr, ob wir gegen London ankommen, sondern wie London, New York und Frankfurt mit den neuen Wettbewerbern in Südostasien mithalten. Der Westen verliert nach und nach seine Vormachtstellung, und Südamerika und vor allem Südostasien werden immer wichtiger – auch im Finanzgeschäft. Shanghai, Singapur, Hongkong, das sind die Finanzzentren der Zukunft.

ZEIT:Europa will eine Steuer auf Finanztransaktionen einführen. Was halten Sie davon?

Schmitz: Es macht keinen Sinn, die Steuer in einzelnen Ländern einzuführen. Die Steuer ist doch nur wieder etwas fürs politische Schaufenster. Wenn die Politik diese Steuer beschließt, wandern große Teile der Handelsvolumina aus Frankfurt an andere Börsenplätze ab. In der Eingabemaske der Händler ist das nur ein Klick. Dann verlagert sich noch mehr Geschäft nach Asien. Wollen wir das?

ZEIT: Gegenfrage: Wollen wir, dass sich der Finanzsektor weiter aufbläht ?

Schmitz: Ich fordere keine Schutzzone für das Kreditgewerbe. Eine wichtige Aufgabe der Banken ist die Finanzierung der Unternehmen. Als Banken anfingen, andere Banken als Kunden zu begreifen, ist etwas aus dem Ruder gelaufen. Nicht alles, was da passiert, stiftet auch volkswirtschaftlichen Nutzen. Daher bin ich ja auch nicht per se gegen Regulierung.

ZEIT: Welche Vorschrift finden Sie denn gut?

Schmitz: Die Verpflichtung, mehr Eigenkapital vorzuhalten, das ist ein Risikopuffer. Die Begrenzung von Bonuszahlungen. Aber auch den Selbstbehalt beim Weiterverkauf gebündelter Kredite. Das ist sinnvoll, denn sobald Sie mit im Risiko stehen, schauen Sie genauer hin.