ZEIT: Wie stehen die deutschen Institute da?

Schmitz: Besser als vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im Jahr 2008. Viele Banken haben ihre Kapitalpuffer aufgefüllt und Risiken abgebaut.

ZEIT: Die IWF-Chefin Christine Lagarde fordert dennoch neue Kapitalspritzen .

Schmitz: Ich sehe keine Notwendigkeit, die bereits unter dem Namen Basel III vereinbarten Eigenkapitalanforderungen nun ad hoc weiter zu verschärfen. Auch muss den Banken Zeit gegeben werden, um weiter Eigenkapital aufzubauen. Dabei dürfen die übrigen Belastungen nicht vergessen werden – etwa aus der Bankenabgabe.

ZEIT: Die Krise ist also abgehakt?

Schmitz: Nein. Die Finanzkrise endet ja nicht wie ein isländischer Vulkanausbruch, sondern setzt ihre zerstörerische Energie an immer neuen Stellen frei. Was als Immobilienkrise begann, ging in eine veritable Bankenkrise über, dann in eine tiefe Rezession und ist nun in einer Staatsschuldenkrise angelangt.

ZEIT: Die Ihre Branche mitverursacht hat.

Schmitz: Wir Banken sind sicher zu einem Großteil verantwortlich für die Finanzmarktkrise 1.0. Was die Staatsschuldenkrise angeht, so haben die westlichen Demokratien einen Punkt erreicht, an dem der kreditfinanzierte Wohlstand keine Zukunft mehr hat. Die Staaten leben schon zu lange auf Pump.

ZEIT: Diese Kredite haben doch die Banken gegeben.

Schmitz: Sie argumentieren nach dem Motto: Der Gläubiger hat mich, den Staat, in Versuchung gebracht, und ich konnte nicht anders. Fakt ist: Staatsanleihen galten praktisch als risikoloses Investment. Seit dem Zweiten Weltkrieg wurde kein Industrieland mehr zahlungsunfähig. Durch ihren Umgang mit dem Stabilitäts- und Wachstumspakt hat die Politik in Europa alles dafür getan, dass niemand ernsthaft an die "No-bail-out" Klausel geglaubt hat, sondern daran, dass im Ernstfall die starken Staaten die schwachen stützen werden. Deshalb ging der Zinsunterschied zwischen den Euroländern gegen null. Da hat kein Spekulant dran verdient – im Gegenteil: Die sitzen jetzt auf den Anleihen, die kaum Zinsen abwerfen und plötzlich als hoch riskant gelten. Diese Risiken wurden von allen ausgeblendet, nicht nur von den Banken, sondern auch von den Politikern und Bürgern.

ZEIT: Wäre es nicht vernünftig, dass die Banken auf einen Teil der Forderungen verzichteten – und so ihren Beitrag leisteten?

Schmitz: Ich bin zutiefst Anhänger eines jahrhundertealten Prinzips: Wenn jemand eine Anlage tätigt, dann hat er selbst für die Risiken einzutreten und nicht die Gemeinschaft – also der Steuerzahler. Aber in der Staatsschuldenkrise sind Investoren betroffen, die mit der Aussage geködert wurden, dass es sich um absolut sichere Anlagen handle. Die Banken und noch weitaus stärker die Pensionskassen und Versicherungen wurden gedrängt, in Staatsanleihen zu investieren. Ohne diese Investoren, die nach besonders sicheren Anlagen suchen, wäre die Finanzierung der Staatsschulden schon längst am Ende. Wenn wir dieses Vertrauen jetzt enttäuschen, laufen wir möglicherweise in die Finanzmarktkrise 2.0 hinein.

ZEIT: Warum sollen die Banken schon wieder geschont werden?

Schmitz: Weil wir nicht rückwirkend die bisherigen Regeln ändern können. Das würde zu nennenswerten Problemen in der Altersversorgung und bei Versicherern führen. Das kann niemand wollen. Aber noch einmal, diese Entwicklung darf sich nicht wiederholen. Es kann nicht sein, dass Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden. Wer Risiken eingeht, muss dafür geradestehen. Punkt.

ZEIT: Wahrscheinlich ist doch, dass beim nächsten Mal wieder die Steuerzahler einspringen. Muss nicht das ganze System radikal entflochten werden, weil es so zu riskant ist?

Schmitz: Ich bezweifle, dass das möglich ist. Die Welt ist komplexer geworden, die globale Vernetzung hat zugenommen. Damit müssen wir leben.

ZEIT: Ist es nicht verrückt, dass Länder wie Griechenland eben noch praktisch umsonst Geld geliehen haben und heute enorme Zinsen zahlen?

Schmitz: Der Druck des Marktes ist nötig, damit eine Regierung wirklich Ernst macht mit dem Sparen. Alle reden davon, doch es passiert zu wenig. Auch wir in Deutschland bauen keine Schulden ab, obwohl wir mitten im Aufschwung sind.

ZEIT: Der Markt ist doch kein neutraler Richter. Er neigt zu Übertreibungen. Darum haben einige Länder Wetten auf fallende Kurse verboten – und deshalb greift die EZB ein und kauft Staatsanleihen.

Schmitz: Länder, die ein solches Leerverkaufsverbot hatten, sind im Vergleich zu Ländern, die keines hatten, nicht besser oder schlechter durch die Krise gekommen. Damit lenkt die Politik doch nur ab. Die eigentliche Frage ist: Wie gehen die westlichen Demokratien damit um, dass der Wohlfahrtsstaat so nicht mehr zu finanzieren ist? Und was die EZB betrifft: Sie ist konzipiert worden, um Geldwertstabilität zu schaffen, und nicht, um Staatsfinanzierung zu betreiben. Sie kam in eine Lage, in die sie nicht kommen sollte: Die EZB musste zwischen Pest und Cholera wählen. Mit dem Kauf der Staatsanleihen wurde der Rubikon überschritten.