Seit dem 10. März versuchen wir im Politikteil der ZEIT, Politik von einer anderen Seite und auf andere Art wahrzunehmen. Elf Lyrikerinnen und Lyriker verfassen eigens für die ZEIT Gedichte, sie zeigen uns ihre Sicht auf die Politik. Mal schreiben sie unabhängig von den Ereignissen, mal gehen sie direkt auf politische Erlebnisse ein. Womit wir anfangs nicht gerechnet hatten, das ist die Fülle und Dichte der Ereignisse, wie wir sie seit Anfang des Jahres erleben. Die Gedichte wurden häufig sehr aktuell, einige am Tag nach politischen Entscheidungen oder Katastrophen verfasst. Diese Woche beschäftigt sich Hendrik Rost mit der Gewöhnung an Angst und Krise.

Hendrik Rost: Dies von Brecht. Das von Marx

Dies ist voll. Das ist voll.
Und auch wenn diese Fülle aus der Fülle kam,
ist alles, was bleibt, Fülle selbst.

Ich schaffe schon keine Werke mehr.
Mich beschäftigt die Frage, werde ich
heute entlassen oder morgen, nur noch

in schwachen Momenten. Wer in Dramen denkt –
die Ereignisse überschlagen sich, die Welt
gerät aus den Fugen im Liveticker –,

lädt die Tragödie selbst ein. Für Spekulanten
als Verlust, für Nationalisten als Migration,
für Dichter und Denker als Demenz.

Was es auch sei – es murmelt, redet, rast,
irgendwann kreischt es, sagt aber nichts.
Nichts vom Herbst, der kommt,

vom Geruch überreifen Obstes,
Äpfeln, die als von innen glühendes Erz
in den Abend fallen. Es ist gut, Unheil

gelassen zu erwarten. Stell eine Schale
Milch vor die Tür. Es kommt ohnehin,
trinkt sie aus oder zündet das Haus an.

Dann geht es wieder. Noch zu bedenken:
"Keiner wird reich, ohne andere auszubeuten."