Warum Amerika? Man hätte sich Margot Käßmann auch in Afghanistan vorstellen können, als Beobachterin und Beraterin des zivilen Wiederaufbaus zum Beispiel. Karl-Theodor zu Guttenberg wiederum hätte gut nach London gepasst. Und für Christian von Boetticher wäre ein Domizil in Italien, beispielsweise am beschaulichen Comer See, gut vorstellbar.

Klicken Sie auf das Bild, um weitere Artikel der Serie "Gesellschaftskritik" zu lesen. © Frazer Harrison/Getty Images

Allen dreien aber, drei prominenten Deutschen, denen gemeinsam ist, dass sie in jüngerer Zeit über eine selbst verschuldete Skandalaffäre stolperten, bietet sich, scheinbar selbstverständlich, Amerika als Zufluchts- und Rückzugsland an. Margot Käßmann weilte ein halbes Jahr als Gastdozentin an der Universität von Atlanta, nachdem sie im Frühjahr 2010 wegen einer alkoholisierten Autofahrt ihr Amt als Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche niedergelegt hatte. Familie zu Guttenberg packt just in diesen Tagen in einem neu erworbenen Eigenheim in Connecticut die Koffer aus, um für eine Weile dort zu bleiben. Christian von Boetticher, dessen politische Karriere gerade an einer Affäre mit einer Sechzehnjährigen scheiterte , überlegt noch, wie und wo es mit ihm weitergeht. Amerika, äußerte er, stehe aber in der engeren Wahl.

Warum? Als Traumziel des ökonomischen Aufstiegs gelten die USA nun wirklich nicht mehr. Außerdem müssen Käßmann, zu Guttenberg und von Boetticher nicht zum Geldverdienen über den Atlantik. Was sie dorthin zieht, ist wohl vielmehr der höchst verständliche Wunsch nach einer Auszeit, nach einer biografischen Zwischen-, man könnte auch sagen: Purgatoriumsfrist, die der Aufarbeitung und Besinnung dient. Und dem Verschwinden: Wer früher nach Amerika ging, hatte den Traum, jemand zu werden. Die neuen Exilanten sind schon wer und können sich in Amerika eigentlich nur einen Traum erfüllen: unberühmt zu sein. Und zu Hause ein wenig in Vergessenheit zu geraten.

Die Antwort auf die Frage, was Amerika zum bevorzugten Ort der Selbsterneuerung macht, ist vielleicht auch in der Tiefe des kollektiven deutschen Unterbewusstseins zu finden. Es waren in erster Linie die amerikanischen Alliierten, die nach 1945 das Programm der Demokratisierung und Entnazifizierung Deutschlands betrieben. Unnötig zu erwähnen, dass der Ortswechsel der drei erwähnten Persönlichkeiten mit diesem Teil der Zeitgeschichte sachlich nicht das Allergeringste zu tun hat. Aber wir verbinden wohl bis heute Amerika mit der Vorstellung einer moralischen Instanz und moralischer Rehabilitierung.