DIE ZEIT: Vier von fünf jungen Deutschen rechnen nicht damit, dass die gesetzliche Rente sie im Alter vor Armut schützt. Hat die Politik falsch informiert oder falsch reformiert?

Ursula von der Leyen: Weder noch. Die Reaktion zeigt, dass es angekommen ist, wie wichtig zusätzliche Vorsorge ist. Und wir unterstützen das mit der staatlich finanzierten Förderung der Riester-Renten und der betrieblichen Altersvorsorge.

ZEIT: Es beunruhigt Sie gar nicht, dass eine ganze Generation von einem System nichts erwartet, in das sie noch Jahrzehnte einzahlen soll?

von der Leyen: Im Moment funktioniert unser Rentensystem sehr gut. 97,5 Prozent aller Ruheständler haben eine ausreichende Versorgung, nur wenige sind auf die staatliche Grundsicherung im Alter angewiesen. In der Finanzmarktkrise haben sich außerdem die Vorteile eines Systems gezeigt, das nicht von den Kapitalmärkten abhängt, sondern bei dem die arbeitende Generation für die Alten sorgt. Wir sind für dieses Umlagesystem viel belächelt und kritisiert worden. Derzeit werden wir in der ganzen Welt beneidet.

ZEIT: Was nicht so bleiben wird. Die Niedriglöhner und 400-Euro-Jobber von heute sind die armen Alten von morgen. Und Geringverdiener bekommen weniger als 40 Prozent ihres Bruttolohns als Rente, so wenig wie in kaum einem anderen entwickelten Land.

von der Leyen: Die Rentenversicherung kann nicht alle Veränderungen in der Arbeitswelt ausgleichen. Unser Rentensystem war ausgerichtet auf eine Gesellschaft, in der die Männer dauerhaft berufstätig waren, während ihre Frauen viele Kinder erzogen. In meiner Generation arbeiten Männer und Frauen nun zu sehr unterschiedlichen Bedingungen: Teilzeit, Vollzeit, befristet, unbefristet. Wir Babyboomer sind zwar sehr zahlreich, haben aber wenige Kinder bekommen. Deshalb muss die gesetzliche Rentenversicherung , die von Arbeit und Kindern lebt, durch zusätzliche Vorsorge ergänzt werden. Sonst überfordern wir die Jungen.

ZEIT: Sie sehen also kein Problem bei den Geringverdienern? 

von der Leyen: Doch, wir müssen mehr für sie tun, insbesondere für Frauen , die jahrelang Kinder erzogen oder Eltern gepflegt haben. Wenn wir die Frage stellen, ob diese Menschen nach einem arbeitsreichen und verantwortungsvoll geführten Leben genügend abgesichert sind, lautet die Antwort: Nein. Wer als Geringverdiener ein Leben lang gearbeitet hat, schafft es oft nicht, eine eigene Rente zu verdienen, die über der Grundsicherung liegt. Er wird im Moment genauso behandelt wie jemand, der nie gearbeitet oder vorgesorgt hat. Das ist ungerecht, da müssen wir nachbessern.

ZEIT: Was genau wollen Sie ändern?

von der Leyen: Wir wollen ab 2013 eine Zuschussrente einführen. Wer jahrzehntelang gearbeitet und eingezahlt hat, wer erzogen und gepflegt und dabei zusätzlich privat vorgesorgt hat, der wird eine Rente bekommen, die über der Grundsicherung liegt, nämlich bei 850 Euro im Monat.