Der Rothschild-Boulevard verwandelt sich gerade wieder zurück in eine Flaniermeile. Erhobenen Hauptes falten die Studenten ihre Zelte zusammen, mit denen sie vor acht Wochen gegen horrende Mietpreise zu protestieren begonnen hatten. Diese Phase des Protests sei nun vorbei, heißt es. Jetzt beginne die nächste Runde. Auch wenn noch niemand genau weiß, wie sie aussehen soll.

Aber die Studenten dürfen sich ruhig schon einmal auf die Schulter klopfen. Sie haben auf die Tagesordnung gesetzt, was so schnell nicht wieder verschwinden wird: ein soziales Bewusstsein, gekoppelt mit Veränderungswut. Seit Wochen spricht ganz Israel nur noch von – zum Teil – absolut ungerechtfertigt hohen Lebenshaltungskosten, von der zweitgrößten Wohlstandskluft in der westlichen Welt und von dem Recht der Jungen auf eine rosigere Zukunft. Deshalb gingen die Menschen den ganzen Sommer über auf die Straße. Bei den Demonstrationen vergangenen Samstag waren es 450.000. Es war die bisher größte Demonstration in der Geschichte des Landes.

Wer geglaubt – oder gehofft – hatte, das Protestpotenzial würde sich durch ein Wiederaufflammen des Nahostkonflikts in Luft auflösen, der hatte geirrt. Nach einem Terroranschlag in Eilat, bei dem vor etwa drei Wochen acht Menschen getötet wurden, beschoss die Armee Ziele in Gaza , was zu einem Raketenhagel auf Israel führte. Die Protestler nahmen sich nach dem Anschlag aus Rücksicht auf die bedrohte Bevölkerung eine Woche lang zurück. Doch ganz ersticken ließ sich der Protest nicht.

Das mag viele überraschen. Denn bisher konnten israelische Regierungen darauf bauen, dass nationale Sicherheitsnöte alle anderen Nöte beiseiteschieben und einen Burgfrieden zwischen allen gesellschaftlichen Kräften erzwingen konnten. Diesmal aber herrschte in politischen Kreise das Gefühl, Israel habe sich »irreversibel verändert«, berichtet Haaretz . In dem Massenblatt Yedioth Aharonot schreibt der prominente Journalist Yair Lapid (der als möglicher politischer Hoffnungsträger gilt) gar von einem »neuen Volk«.

Was ist da passiert? Wenn auch die Israelis den Vergleich mit dem arabischen Frühling scheuen, so passt der Aufstand – von außen betrachtet – gut in die Region. In jedem Fall lässt sich die Nachhaltigkeit des Protests mit der Wiederentdeckung grundlegender demokratischer Werte erklären. Die hoch besteuerte und schwer arbeitende Mittelklasse steht auf, weil sie sich nicht mehr von der politischen Klasse repräsentiert fühlt. Ihr Lebensstandard ist in den letzten Jahren zwar gestiegen, sie merkt nun, dass der Preis dafür zu hoch ist.

Deshalb fordert die Protestbewegung nun eine Erneuerung des Systems. Sie mahnt eine Innenpolitik an, die nicht mehr bloß einzelne Gruppen berücksichtigt, deren Zustimmung für den Zusammenhalt der Koalition wichtig ist. Von dieser Politik haben ultraorthodoxe Parteien ebenso wie die Siedler profitiert. Die anderen Gewinner waren großzügig subventionierte Unternehmen, die sich im Besitz weniger befinden. So kann, so darf es nicht weitergehen, ist der anhaltende Grundtenor im Land. Yair Lapid wehrt sich gegen Vorwürfe, dass der Protest letztlich unpolitisch geblieben sei. Denn wenn man dagegen demonstriere, dass »unsere Steuern nicht am richtigen Ort landen, der produktive Sektor die wenigsten Rechte hat und die jetzige Ordnung die Falschen belohnt«, dann sei das sogar sehr politisch.

Mit der großen Nahostpolitik hat das alles erst einmal nichts zu tun. Wenigstens nicht für die Mehrheit der Israelis, die auf die Straße gegangen sind. Vielleicht ist es gerade die allgemeine Hoffnungslosigkeit, die die Menschen dazu bringt, sich nicht mehr von Sicherheitsproblemen einschüchtern zu lassen. Weil sie das »neue Volk« nicht in links und rechts spalten wollten, waren die Initiatoren darauf bedacht, die Palästinenserfrage bei dem Protest außen vor zu lassen.

Wie aber geht es weiter? Das hängt erst einmal von dem Expertenkomitee ab, das Reformvorschläge erarbeiten soll. Die Tel Aviver werden sich nicht mit kosmetischen Veränderungen abspeisen lassen. »Bei diesem Kampf geht es längst um mehr als die Zelte. Die Regierung weiß jetzt, dass das Volk und die Studenten den Finger am Puls haben und sie nicht mehr einfach tun lassen, was sie will«, sagt Juval Bedola von der Studentenvereinigung. Aber auch in der mehr als 100 Kilometer entfernten Wüstenstadt Be’er Sheva, wo vor zwei Wochen die Raketen einschlugen, ist der Bürgermeister in ähnlicher Kampfstimmung. Für die Regierung sei es an der Zeit, Entscheidungen zu treffen, sagt Rubik Danilovich. Das gelte für die Subventionen für die Ultraorthodoxen, das Bildungswesen, die Infrastruktur und die Siedlungen.

Vielleicht muss das »neue Volk« Israels bis zum nächsten Wahlkampf warten, um erhört zu werden. Es könnte allerdings sein, dass dieser früher kommt als geplant.