Die amerikanische Regierung hat dieser Tage eine Anweisung an ihre Mitarbeiter herausgegeben, wie des 11. Septembers zu gedenken sei. Darin sticht ein Satz hervor: "This is not just about us." Es geht nicht nur um uns. Der Satz ist die Revision der 9/11-Mentalität mit ihrer schwarz-weiß gefärbten Endkampf-Stimmung: "Wir" gegen "die Terroristen", "der Westen" gegen "den Islam", "Freiheit" gegen "Tyrannei".

Es geht nicht nur um uns: Kein Buch zum 11. September vermittelt das so eindringlich wie das außergewöhnliche fotografische Tagebuch von Kate Brooks. Man möchte es jedem künftigen Historiker auf den Schreibtisch legen. Das erste Bild zeigt eine Wandmalerei in Afghanistan, auf der die Taliban den Figuren die Gesichter ausgekratzt haben, weil sie jede bildliche Darstellung des Menschen ablehnen. Eines der letzten Bilder zeigt junge libysche Rebellen, die Spottbilder über Gadhafi zeichnen. Das ist einer der Erzählbögen, die sich über die Dekade spannen lassen: Der Versuch der Machthaber, die Bilder zu kontrollieren, und sein Scheitern. Nicht nur den Tyrannen der islamischen Welt ist es so ergangen, auch den USA und dem Westen ist das eigene Bild entglitten. Dafür stehen die Bilder von Tod, Folter und Verwüstung, die den Krieg gegen den Terror in Verruf brachten. Der amerikanische Kunsttheoretiker W. J. T. Mitchell hat ihnen einen luziden Essay gewidmet. Man sollte Brooks und Mitchell zusammen lesen.

Kate Brooks war 27, als sie nach Afghanistan ging, um dort den Krieg zu fotografieren. Sie war unter Einsatz ihres Lebens seither überall, wo es gekracht hat. Sie zeigt die Hölle, die der Krieg in Afghanistan und im Irak entfesselt. Sie zeigt auch das Grauen, das die Unterdrückung im Namen eines religiösen Wahns den Frauen und Minderheiten bringt: Menschliche Überreste liegen nach einem Attentat auf Schiiten auf einer irakischen Straße. Aber auch das ist der Islam: Auf dem Tahrir-Platz verbeugen sich Hunderte im Gebet und trotzen so dem Tyrannen. Brooks’ Bilder sind nicht durch die Macht kontrolliert. Sie werben für nichts, sie wollen nichts beweisen. Sie haben keine Botschaft. Sie machen es möglich, wenigstens punktuell durch den Nebel der Diskurse auf das Geschehen zu blicken.

Was treibt diese Frau in die Kriege? Abenteuerlust, Adrenalinrausch? Vielleicht auch das. Doch ihre Bilder setzen dem ideologischen Lärm die schlichte, nackte Mitmenschlichkeit der Gesichter entgegen: Verletzlichkeit, Würde, Stolz, Hoffnung, Schmerz.

W. J. T. Mitchell geht den umgekehrten Weg, wenn er den "Krieg der Bilder" analysiert. Das ist für ihn mehr als eine Metapher. Schon die Zerstörung der Türme war auf jenes Bild aus, das ihr Sturz um die Welt sandte. Der kriegerische Akt diente dazu, ein Bild zu erzeugen, dessen Schrecken die Selbstzerstörung Amerikas beschleunigen sollte. Die Strategie blieb nicht ohne Erfolge, auch wenn sie am Ende nicht aufging. Die Amerikaner ließen Bush und seine Leute gewähren und folgten ihnen in Kriege, die wiederum der Erzeugung von Gegenbildern dienten: der Einmarsch in Kabul, Saddams Statuensturz, Bushs "mission accomplished"-Foto auf dem Flugzeugträger, Saddams Festnahme. Durchkreuzt wurde diese Bildproduktion allerdings von den Bildern aus Abu Ghraib. Der "Kapuzenmann" mit seinen Anklängen an den Gekreuzigten und den Ku-Klux-Klan wurde zur Ikone des moralischen Scheiterns des Irakkrieges, wie Mitchell ausführlich analysiert. So brillant manche seiner bildpolitischen Beschreibungen sind, so kryptisch bleibt seine Obsession mit dem "Klonen". Man versteht schon, was er meint, wenn er vom "Klonen des Terrors" spricht: dass der Kampf gegen den Terrorismus die Gefahr mit sich bringt, sich dem Gegner anzuverwandeln. Und ist der Westen nicht mit seinen Rechtsüberschreitungen im Umgang mit Gefangenen und Verdächtigen weit in diese Richtung gegangen?