Hans Blumenberg hatte einen jüdischen Vater und hat das Ende des Zweiten Weltkriegs nur überlebt, weil er sich im Haus der Familie seiner späteren Frau in Lübeck verstecken konnte. Blumenberg hat über dieses biografische Kapitel nie geredet, auch zu jeder Form der "Vergangenheitsbewältigung" Abstand gewahrt (und sich stattdessen einen Briefwechsel mit dem Erzantisemiten Carl Schmitt erlaubt). Ein konventioneller Blumenberg-Roman würde nun mit den Mitteln der literarischen Imagination diesen blinden Fleck ausleuchten. Nicht so bei Lewitscharoff, die das Thema nur beiläufig antippt. Einmal heißt es: "Er hatte sich bemüht, keinen Menschen mit der Angst zu belästigen, die er früher empfunden hatte und die später in manchen Nächten zurückgekehrt war."

Dieser Roman umkreist jedoch nicht nur Blumenberg, sondern auch den Kreis seiner Studenten. Aber beide Welten berühren sich kaum. Hans Blumenberg war spätestens seit seinem Wechsel an die Universität Münster im Jahr 1970 eine Kunstfigur, deren Aura viel mit Inszenierungen der Distanz zu tun hatte. Tief verunsichert von den Unruhen der Studentenbewegung, sich eifersüchtig abgrenzend von Habermas, der mit Erkenntnis und Interesse mitten in die Gesellschaft zielte, zog sich Blumenberg aus dieser zurück und zelebrierte statt dessen seine Vorlesungsauftritte. Sibylle Lewitscharoff setzt das großartig in Szene: Wie Blumenberg mit Hut aus einer Seitentür den Vorlesungssaal betritt, seine Karteikarten vor sich verteilt, von denen er die wörtlichen Zitate abliest, um sodann in freier Rede seine ideengeschichtlichen Panoramen zu entwerfen. Die junge Studentin Isa, die in der ersten Reihe sitzt und jedes seiner Worte aufsaugt, nimmt er kaum wahr.

Von Thales als dem Protophilosophen erzählte sich die antike Welt, er sei, die Sterne am Himmel beobachtend, in einen Brunnen gefallen, was eine thrakische Magd zum Lachen über die Weltfremdheit des Philosophen gebracht habe. Das Lachen der Thrakerin heißt ein Buch von Blumenberg. Doch die junge Frau in der ersten Reihe ist keine thrakische Magd, und während der Meister seinen Blick in die Sphären der Ideen steigen lässt, lacht sie nicht, sondern verzehrt sich nach ihm. Blumenberg merkt es nicht. Isa wird sich dann das Leben nehmen.

Auch Gerhard, Richard und Hansi treten auf, weitere fiktive Studenten, die eine Zeit lang im Bannkreis Blumenbergs stehen. Aber das Irritierende ist: So wenig wie die Studenten zu ihrem Professor durchdringen, so wenig verknüpft der Roman diese beiden Sphären. Es ist ein hartes Nebeneinander von Blumenbergs nächtlichem Ideenuniversum und der Welt exaltierter studentischer Blumenberg-Schwärmerei. Dieses Nebeneinander ist der Abgrund, der die Menschen trennt und der weder durch Philosophie noch durch Liebe überwunden werden kann. Zugegeben: Würden sich diese beiden Welten im konkreten erzählerischen Fall berühren, wir wären bei einer Liebesschmonzette, einem Campusroman, wo sich der Großdenker, verlockt vom Liebreiz der Jugend, von seinem Gedankenolymp hinabbegibt ins Bett der Studentin. Geht natürlich gar nicht. Stattdessen haben wir jetzt einen Roman, dessen Protagonist so isoliert vom restlichen Figurenpersonal agiert, dass man sich fragt, warum dieses überhaupt auftritt.

Lewitscharoff forciert diese Irritation aber noch. Sie lässt die vier Studenten in knappen Kapiteln alle früh sterben. Lakonische Todeschroniken. Wie sie die letzten Tage des desorientierten Bummelstudenten Richard beschreibt, der am Ende einer Amazonasreise, dem Liebreiz einer jungen Brasilianerin folgend, in einem Hinterhalt stirbt, gehört zu den souveränsten Seiten Prosa, die die deutsche Gegenwartsliteratur zurzeit zu bieten hat. Aber was will diese Episode bedeuten? Zur Rechtfertigung schaltet sich die Erzählerstimme ein: "So viele Tode verhältnismäßig junger Menschen. Man wird einwenden, der Erzähler hätte besser daran getan, Verzicht zu üben und nicht mit einer solchen Häufung aufzuwarten(...) Ein Erzähler hat aber die Pflicht, auch das Unwahrscheinliche wahrheitsgetreu zu verzeichnen. Möglichst knapp. So wurde in der Geschichte nun mal gestorben, und so wurde es eben festgehalten." Dieser antiepische Affront macht eines klar: Viel wunderlicher als die Erscheinung des Löwen ist die absurde Zufälligkeit des Lebens und Sterbens der Menschen.

Am Ende handelt dieser Roman mehr als von Blumenberg von Sibylle Lewitscharoffs Versuch, die Literatur als ein Medium metaphysischer Fragen auszutesten. Sie benutzt die Figur Blumenbergs, um zu erkunden, wie wir unter den Bedingungen des Rationalismus mit jenen Bedrängnissen umgehen, die der bloßen Empirie nicht zugänglich sind. Am Ende ist auch Blumenberg tot, und wie in Dantes Paradiso inszeniert Lewitscharoff eine Art postmortale Wesensschau. Blumenberg liegt an einen Löwen gelehnt im Kreise seiner Studenten. Eine große Trägheit lastet über der Szene, die Erinnerungen an die Erdenzeit verblassen, und keiner weiß mehr genau, was eigentlich die drängenden Fragen damals waren. Das Leben nach dem Tod ist nicht die Stunde der Wahrheit, sondern ein Zustand wohligen Desinteresses an allen Fragen, die die leidende Kreatur einst umgetrieben haben. Es ist das Ende aller Dringlichkeit. Auch Sibylle Lewitscharoff hat ihren Roman in eine Höhe getrieben, in der alle Dringlichkeit auf eine sublime Art verdampft.

Wir haben keine Antworten. Wir können noch nicht einmal genau die Fragen benennen, die dieser Roman aufwirft. Wir wissen nur eines: Ein Leben ohne Löwen ist ein armseliges.