Wer glaubt, dass die Fußballer von heute Professorensöhne sind, die sich bewusst ernähren und um halb elf im Bett liegen, dem sei Zockerliga empfohlen. In diesem Buch, das in der vorigen Woche erschienen ist, schildert der Exprofi René Schnitzler , 26, sein Leben als Spielsüchtiger. Professorensöhne tauchen darin keine auf, sondern Zocker, Geschäftemacher und Wettbetrüger, manche davon bewaffnet, auch einige Mitspieler und Fußballfunktionäre an Pokertischen.

Schnitzlers Fußballbiografie beginnt sehr vielversprechend. Dem Jugendlichen attestiert der damalige DFB-Trainer Michael Skibbe, er sei "doppelt so gut wie Gomez". Über Borussia Mönchengladbach und Bayer Leverkusen kommt der Stürmer 2007 zum FC St. Pauli in die Zweite Liga. Sein großes Talent vergeudet er jedoch bei Spiel-Exzessen in Hinterzimmern, Kasinos und im Internet.

Mit achtzehn geht er erstmals in die Spielbank, seitdem kommt er nicht mehr davon los. Verliert er, sinnt er sofort auf Revanche. Gewinn verspielt er bald wieder. "Ich drehe durch, wenn ich eine gute Hand verliere", sagt er. Beim Roulette, Blackjack, vor allem beim Poker schlägt er sich die Nächte um die Ohren, unterbricht das Zocken nur kurz für das Training. Schnitzler vernachlässigt seinen Beruf, bis er 2009 entlassen wird. Heute macht er eine Therapie. Seiner Schätzung zufolge hat er 1,5 Millionen Euro verzockt, heute soll er mit über 150.000 Euro im Minus sein.

Weil sie stets viel Geld brauchen, geraten Spielsüchtige oft in Konflikt mit dem Gesetz, so auch Schnitzler. Er nimmt über 100.000 Euro von dem holländischen Wettpaten Paul Rooij an , aber nur zum Schein, wie Schnitzler beteuert. Die Gläubiger aus seinem breiten Bekanntenkreis kann Schnitzler mit Charme betören, doch Rooij versteht keinen Spaß. Als der Betrüger merkt, dass er betrogen wird, droht er Schnitzler damit, ihn bei Ebbe an einen Pfahl zu binden. Zur Besinnung gelangt Schnitzler erst, als der Staatsanwalt gegen ihn ermittelt und er im Dezember 2010 eine Nacht in Gewahrsam verbringen muss. Das Landgericht Bochum spricht ihn im März darauf vom Verdacht der Manipulation frei, ihm ist nicht nachzuweisen, dass er absichtlich verloren hat. Schnitzlers Anwalt erwartet heute eine erneute Anklage durch die Staatsanwaltschaft Bonn. Der DFB hat ihn bis September 2013 gesperrt , seine Statistik wird höchstwahrscheinlich bei einem Bundesliga- und dreiunddreißig Zweitligaspielen stehen bleiben.

Die Journalisten Wigbert Löer und Rainer Schäfer erzählen diese Story verständlich und spannend. Das Buch überzeugt als Charakterstudie eines Egomanen, der mit seiner Maßlosigkeit sein Leben verpfuscht, aber auch Eltern und Freundin in Mitleidenschaft zieht. Die Autoren haben ausführlich in der Branche recherchiert, sie haben Rooij zu einem langen Interview gewonnen. Sie schließen aus ihrer Recherche, dass Spielsucht im deutschen Profifußball weitverbreitet und "das größte Tabu" sei. Einige Manager aus der Bundesliga werden zitiert, die diese Ansicht teilen. Anonym, denn die Sache hat politische und wirtschaftliche Hintergründe: Ab 2012 fällt das staatliche Glücksspielmonopol, mit Wett- und Pokerportalen werden Vereine dann Geld verdienen können. "Geschichten von spielsüchtigen Profis, die sich verschulden und an Wettmafiosi geraten, stören", schreiben Löer und Schäfer. "Dies ist der Grund, warum René Schnitzler zu einem Einzelfall gemacht werden soll, obwohl nicht wenige denselben Weg einschlagen."

In dieser Schlussfolgerung wirkt Zockerliga eine Spur übertrieben. Zwar ist Schnitzler kein Einzelfall, es gibt ähnliche Beispiele aus der Vergangenheit. Der Spiegel hat jüngst die Ausschweifungen des belgischen Tormanns Logan Bailly aufgedeckt, der 300.000 Euro Schulden haben und dessen Gehalt nur noch teilweise ausbezahlt werden soll. Aber Bailly und Schnitzler sind auch Extremfälle. Zwischen Spielsucht und Spiellust gibt es einen Unterschied, den die Autoren gelegentlich übergehen. Wenn eine Mannschaft 500 Euro pro Kopf am Flughafen darauf verwettet, welchen Koffer das Gepäckband als Erstes befördert, veranschaulicht das zwar, dass Fußballer keine gesunde Beziehung zum Geld haben. Mehr aber auch nicht. Das Dilemma des Buchs ist ohnehin, dass die wichtigste Quelle dieser Beichte ein großspuriger Bluffer ist. Einen reuigen und einsichtigen Eindruck macht der inzwischen übergewichtige Schnitzler bei der Pressekonferenz, auf der das Buch vorgestellt wird, nicht.

Aufschlussreich dagegen ist Zockerliga als Skizze eines Milieus, in dem junge Männer schnell und einfach zu sehr viel Geld kommen, viel Zeit und viel Gelegenheit haben, damit zu prahlen, es zu verprassen. "Im Fußball geht es um Autos, Kohle und Frauen", sagt Schnitzler. Auf den Parkplätzen der Bundesligavereine steht der eine oder andere Wagen im Wert von einer halben Million. Es soll Banken geben, die Mitarbeiter beschäftigen, die sich nur um die Akquise von Fußballprofis kümmern. Sie erhalten ohne Nachfragen goldene Kreditkarten und großzügige Dispos. Auf Auswärtsfahrten wird so manches Kind gezeugt, zu den nächtlichen Zockerrunden erscheinen Prostituierte. "Pokern mit Extras" heißt das Spiel.