Die Frage: "Wir sind doch nicht mehr zwanzig", sagt Hans zu Clara, wenn sie – ihrem Empfinden nach selten genug – versucht, ihn zu verführen. Sie sind beide vierzig, haben einen langen Weg von einer engen WG zu einem selbst restaurierten, alten Bauernhof hinter sich. Sie arbeiten in kreativen Berufen und kümmern sich um zwei Kinder, Hund, Katze und Pony.

"Ich würde aber gerne Sex haben, bis ich achtzig bin", sagt Clara. Irgendwann lernt sie im Kirchenchor Thomas kennen, verliebt sich, hat den schönsten Sex seit Langem. Thomas hat ebenfalls Kinder, ist aber nicht verheiratet und lebt getrennt. Clara würde am liebsten klare Verhältnisse schaffen und Hans alles erzählen. Aber sie fürchtet, dass er sie nicht versteht.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Verstehen ist vieldeutig. Hans würde sich kaum in Claras Gefühle hineinversetzen und ihr Glück mit Thomas so wohlwollend und liebevoll begleiten wie seinerzeit die Anschaffung des Ponys, das wohl ihr eigener Kindertraum war.

Im Gegenteil: Er würde fürchten, dass ihnen die Idylle zerbricht, sie den Hof verkaufen und sich um die Kinder streiten müssten. In einem aufwühlenden Prozess könnten allenfalls beide klare Verhältnisse schaffen. Vielleicht würde Hans’ erotisches Begehren erwachen, wenn er bemerkte, dass Clara für einen anderen attraktiv ist. Aber vielleicht drückt sein Desinteresse nur aus, dass er selbst schon lange heimlich eine andere hat.