Vor einigen Monaten saß der Rezensent im Zug, unterwegs zur Uraufführung eines neuen Stücks. Er freute sich, vom Schreibtisch fortzukommen, andererseits wurde ihm bang: Lohnt sich die Reise? Wird man etwas erleben, was man nicht kennt? Ihm kam ein dunkler Gedanke, der sich als Frage tarnte: Hat das deutsche Theater in den letzten Jahren eine neue Figur hervorgebracht, die sich länger als eine Saison gehalten hat? Die genug Eigensinn hatte, das Stück, in dem sie auftauchte, zu überragen, um nicht zu sagen: zu überleben?

Der Rezensent war im Moment unfähig, die Frage mit einem hellen Ja aus seinen Gedanken zu fegen. Um sich abzulenken, griff er zum großzügig im Abteil verstreuten Magazin mobil der Deutschen Bahn. Er stieß auf ein Gespräch mit dem Schauspieler Oliver Wnuk, bekannt aus der Serie Stromberg und als Lebensgefährte von Yvonne Catterfeld. Wnuk berichtete von der Arbeit an seinem ersten Roman. Auf die Frage, wie er denn als Schriftsteller so agiere, sagte Wnuk, er schreibe wie ein Drehbuchautor, also sehr fernsehmäßig, kurzum: Er gehe später rein und früher raus.

Was ist gemeint? Wnuk geht später in eine Szene rein, als es Romanautoren des 19. Jahrhunderts gemacht haben, und er geht früher wieder raus. Er hält sich nicht lange auf, den Habitus einer Figur, den Geist eines Milieus oder das Wesen eines Stadtviertels zu schildern, sondern er fängt mit einem rasanten Dialog an. Dann lässt er seine Figuren machen. Fernsehmäßig eben. Später rein, früher raus.

Im Kopf des Rezensenten hat sich Wnuks tolle Formel sofort festgebissen. Später rein, früher raus: Dieses erzählerische Rezept, gängig allerorten, ist auch ein Grund dafür, dass Theaterfiguren heute so wenig Gewicht, Spannung, Eigensinn besitzen. Das Publikum muss sich schnell mit ihnen gemein machen können, also ist es am besten, man hält sie flach, vage, lakonisch. Sie müssen ja durch den Windkanal, sie müssen standhalten im Handlungsgebläse. Das Motto fällt dem Rezensenten jetzt auch immer ein, wenn er ein neues Stück von Roland Schimmelpfennig sieht, dem erfolgreichsten Dramatiker dieser Tage. Und ein neues Stück von Roland Schimmelpfennig sieht man derzeit ungefähr alle zwei Wochen. Es kommt einem zumindest so vor.

Schimmelpfennigs Stücke leben von Zeitsprüngen, Ortswechseln, Identitätsmetamorphosen. Alle Raffinesse geht bei ihm in den Bau, die Konstruktion der Stücke, derweil die Figuren selbst eher einfältig wirken. Er schuf in den letzten Jahren Unzählige von Theaterfiguren. Aber gibt es eine Schimmelpfennig-Figur, die nachdrücklich in Erinnerung blieb? Sein Werk erweist sich in der Rückschau als eine Manifestation des »Später rein, früher raus«. In Erinnerung bleibt ein Tonfall: der Tonfall des mulmigen Alles-hängt-zusammen.

Schimmelpfennig ist nicht mehr der Schöpfer von Figuren, Charakteren, Temperamenten, die in der Spannung von Konkurrenz und Anziehung, Hass und Liebe miteinander stehen, sondern er erschafft schreibend ein lyrisches Ich, welches durch lauter Hilfs-, Assistenz-, Schattengestalten hindurch im Grunde nur einen Atem ausstößt. Es atmet durch alle Masken, die er erfindet, derselbe Erzähler.

Woran könnte das liegen?