ZEITmagazin: Frau Meyer-Landrut, in Ihrem Leben gab es einen Wendepunkt, als Sie voriges Jahr nach dem Sieg beim Eurovision Song Contest ein Star wurden. Nervt Sie das Thema?

Lena Meyer-Landrut: Ja, das ist voll durchgekaut, oder? Aber es gab noch einen anderen Wendepunkt, als ich in Hannover vom Gymnasium auf die Gesamtschule gegangen bin, nach der 9. Klasse.

ZEITmagazin: Warum haben Sie die Schule gewechselt?

Meyer-Landrut: Ich war wegen einer Operation drei Monate krank und hatte mir für meine Rückkehr mehr Beistand erhofft. Ich kam zurück und fühlte mich verlassen.

ZEITmagazin: Von den Freunden oder von den Lehrern?

Meyer-Landrut: Von den Lehrern. Die sagten, meine Mitschüler hätten Mitschriften anfertigen können, damit ich auf der Basis dann die Klausuren hätte schreiben können. Das Beste wäre für dich, du wiederholst die Klasse, hieß es. Da habe ich gedacht: wie asozial! Ich wusste, dass ich nicht dumm bin. Doch von den Lehrern kam keine Hilfe.

ZEITmagazin: Woran, glauben Sie, lag das?

Meyer-Landrut: Wahrscheinlich war die Schule nur daran interessiert, dass sie insgesamt einen guten Ruf hat. Mich hat das sehr enttäuscht, und ich bin dann auf eine integrierte Gesamtschule gewechselt. Die IGS Roderbruch hatte einen Ruf für Sozialkompetenz und Integration. Sie liegt in einem schwierigen Viertel von Hannover, in dem viele Ausländer wohnen.

ZEITmagazin: Das heißt, Sie waren plötzlich mit einem ganz anderen Milieu konfrontiert?

Meyer-Landrut: Ja, mit einer anderen Welt. Da gab es viele Immigranten-Kinder, die die deutsche Sprache noch nicht gut konnten.

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ZEITmagazin: Hat es Sie nicht geschmerzt, die alten Schulfreunde zu verlieren?

Meyer-Landrut: Doch, das war doof. Aber es war nicht so schlimm wie Wiederholen. Die Freunde, die man liebt, bleiben auch so. Eine meiner besten Freundinnen ist mir auf die Gesamtschule gefolgt. Weil ich immer so geschwärmt habe.

ZEITmagazin: Wovon waren Sie begeistert?

Meyer-Landrut: Vom Gemeinschaftsgefühl. Klar, es wurde total viel gepöbelt. Man sagte nicht: Also ich kaufe mir in der Pause eine Honigwaffel. Da wurde halt geschrien: Eh, du Spasti, gib mal dein Brot! Aber dann wurde das Brot geteilt. Es war familiär. Es war irgendwie alles uncool und deshalb entspannt.

ZEITmagazin: Der Coolnessdruck auf dem Gymnasium war größer?

Meyer-Landrut: Dort war manches sehr gezwungen. Viele trugen Markensachen, die Mädchen waren frisiert und geschminkt, und manche liefen mit hochhackigen Schuhen rum. Da waren oft Dinge wichtig, die mir nicht so wichtig sind. An der Gesamtschule waren die Leute toleranter, offener. Es war egal, wie man aussah oder ob man an den Fingernägeln kaut.