In Deutschlands Parteien geht es derzeit zu wie in zerfallenden Reichen. Krise der Machtzentren, Intrigen, Sinnverlust, verzweifelte Kämpfe in einer sich auflösenden Welt. Eine entkernte CDU kämpft um ihre Identität, eine panische FDP um ihre Existenz, eine grundverwirrte Linke um Orientierung. Jenseits des Schlachtenlärms und jenseits der Fanfarenklänge um die neue Mittelmacht Grüne erstarkt ausgerechnet eine Kraft, die schon fast vergessen war: die SPD . Nicht allein ihre Leuchtturm-Bastionen in Hamburg oder Schwerin, sondern das vermeintlich längst gescheiterte Großreich deutsche Sozialdemokratie.

Bei allen sieben Landtagswahlen seit ihrem historischen Absturz im Herbst 2009 hat sich die SPD entweder an der Macht gehalten oder sie erobert. Sie regiert wieder ihr Kernland Nordrhein-Westfalen. Sie dominiert die Großstädte, die Schmelzregionen der CDU, und steht in Berlin kurz vor einem Triumph . In Schleswig-Holstein besitzt sie beste Chancen, im Frühjahr den Posten des Regierungschefs zurückzugewinnen. Der Kampf mit den Grünen um die Vorherrschaft im linken Lager, kaum verkündet, ist entschieden. Im roten Niemandsland Bayern, eine kühne Phantasie, träumen Sozialdemokraten gar von einer Wende à la Baden-Württemberg – mit einem Genossen in der Kretschmann-Rolle. Und: 2013 könnte die so Gedemütigte von gestern wieder den Kanzler stellen. Sind die Zeiten wieder sozialdemokratisch? SPD – So Plötzlich Da.

Die Sozialdemokraten hatten, sonst wären sie ja keine, einen detaillierten Plan für ihr Comeback ausgearbeitet. Der besondere Clou, die ungewollte Dialektik, besteht darin, dass sie nicht wegen dieses Plans zurückkehren, sondern trotz.

Der Plan, gleich nach dem Antritt der neuen Spitze um Sigmar Gabriel entworfen, sieht vor, den Wählern frische Inhalte zu präsentieren und den Mitgliedern eine andere Partei. Die Planerfüllung erzeugte aber keine Aufbruchstimmung, sondern Gegenwartsverlust, quälende Befindlichkeitsdebatten, Empörung an der Basis, rückstandslose Inhaltsverpuffung. Ihre Papiere präsentierten die Sozialdemokraten so plangenau, dass sie aus allen Zeit- und Sinnzusammenhängen fielen und sich gänzlich versendeten. Wer weiß noch, was in den SPD-Konzepten zur Bürgerversicherung oder zur direkten Demokratie stand? Oder dass es sie überhaupt gab? Die SPD ist wieder da – selbst ihre Pläne haben das nicht verhindert.

In der SPD breitet sich neue Selbstgewissheit aus. Sie strahlt nach außen ab, macht sie wieder erkennbar, attraktiv. Die Zuversicht erwächst aus den Wahlerfolgen in den Ländern, aus der sichtbaren Überforderung einer Bundesregierung, die keine Linie findet – und aus etwas Drittem. Etwas, das der SPD leicht peinlich ist, etwas, was sie nicht auf dem Plan hatte.

Der Steuermann fiel vom Himmel

Sozialdemokraten sind davon überzeugt, dass ihrer traditionsreichen Partei Selbstgewissheit nur aus Themen und Inhalten erwachsen kann, aus dem Tiefen und Wahren, dem Edlen des Politischen. Sinn und Richtung findet sie jetzt aber auf eine – aus SPD-Sicht – oberflächliche, privatfernsehtaugliche und somit unsozialdemokratische Art: über Personen. Und zwar über Personen, das macht diese Selbstgewissheit so besonders, die ihre Probleme haben mit sozialdemokratischen Inhalten – und zuweilen mit Sozialdemokraten.

Zu Beginn des Sommers fiel Peer Steinbrück vom Himmel. Mehr als eineinhalb Jahre lang war der ehemalige Finanzminister nicht präsent im Alltag der deutschen Politik, nicht anwesend bei den Selbstfindungsversuchen der SPD. Steinbrück hatte sich in Politik-Quarantäne begeben. Er fiel nicht einfach so, landete nicht als einfacher Abgeordneter, sondern als möglicher Kanzlerkandidat.